Mein Mund stand weit offen. Neben ein paar Klamotten lag dieser Arm in der Tasche. Nackt, kalt, am Oberarm abgetrennt, vertrocknetes Blut, nur der Knochen, der herausstand, und rosarotes Fleisch, blasse Haut und fette kleine Wurstfinger. Mit allem hatte ich gerechnet, aber nicht damit. Mit einem Arm in der Tasche. Dem Arm eines Menschen, eines erwachsenen Mannes. Betrunkene Kids, die ein Geheimnis mit sich herumschleppten, ein Verbrechen, einen Mord. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Polizei, Aufruhr, Abschiebung. Und Albrecht Dürer, der mich schlagen würde. Weil ich dafür verantwortlich war, weil ich diese Burschen in mein Zimmer gelockt hatte, weil ich Albrecht Dürer die Bullen an den Hals hetzte. Das durfte nicht passieren. Deshalb schwieg ich.
Schweigen. Auch wenn es in diesem Moment nicht so aussah, aber dieser abgetrennte Arm sollte der Beginn meines neuen Lebens werden. Mit diesem Stück Fleisch in meinen Händen saß ich auf dem Bett und überlegte. So sehr ich auch schreien wollte, ich durfte es nicht. Ich ekelte mich, und trotzdem hielt ich diesen Arm fest wie einen Schatz. Weil da noch mehr war als Fleisch und Knochen. An dem Finger. Wie es glänzte und funkelte. Ein Ring aus Gold. Und Edelsteinen. Wie sie mich anstrahlten. Echter Schmuck, ich war mir sicher, das war mein Startkapital, der Ring war wertvoll. Einige tausend Euro, mit denen ich endlich wegkonnte von ihm. Weit weg mit diesem Ring, der fest an seinem Finger steckte. Sich nicht bewegen ließ. Egal, wie sehr ich daran zerrte. Keine Möglichkeit, ihn abzunehmen, so viele Versuche. Zu fett war der Finger. Zu lange dauerte es. Ich musste mich beeilen, Dürer kontrollierte stündlich die Zimmer, er kam, um die Eier einzusammeln, sobald sie gelegt waren.
Da war keine Zeit für eine sanfte Lösung. Alles musste schnell gehen, irgendwie musste ich diesen Ring von dem Finger bekommen. Wie, war egal. Keine Skrupel, kein schlechtes Gewissen, es war nur fremdes Fleisch. So wie sonst auch. Einfach nur der Teil eines fremden Körpers, der in meinem Bett lag. Ohne Geschichte, ohne Bedeutung. Sein Arm, sein Ring, sein Finger. Ich brach ihn. Ich schlug den Arm gegen den Kleiderschrank, mehrere Male seinen Finger gegen die Holzkante, kleine Knochen, die brachen. Doch keine Lösung. Immer noch steckte der Ring fest. Mein Traum wegzugehen, davonzulaufen, war dabei, zu zerplatzen. Ich musste etwas tun, handeln. Ich rannte an den anderen Frauen vorbei nach unten in die Küche, ich wühlte in den Schubladen und kam mit einem großen Fleischermesser wieder nach oben. Niemand konnte etwas ahnen, keiner hatte das Messer gesehen. Ich warf die Tür ins Schloss und schnitt ihn ab.
Ein fetter, kleiner Finger, der zu Boden fiel. Den ich unter meinem Bett versteckte. Schnell, damit niemand es sehen konnte. Ihn verbergen, den Ring in meiner Hand. Freiheit. Gold, das ich zu Geld machen wollte, Edelsteine, von denen Dürer nichts wusste. Geld, das wie durch ein Wunder in mein Zimmer gekommen war. Das Wunder, auf das ich gehofft hatte, in meiner Hand. Wunderschön. Wie alles plötzlich funkelte und glänzte. Wie viel Zukunft da plötzlich war. Ein paar Minuten lang. So lange, bis die Tür aufflog und er mir alles wieder wegnahm.

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