Sein verdammtes Haus. Eine Bruchbude, direkt an der Frauentormauer. Er hat das Haus gekauft, das Schild angebracht und von der besten Werbung aller Zeiten gesprochen, er lobte sich selbst in den Himmel, hielt uns Vorträge über Marketing und Wirtschaft. Er überschlug sich fast vor Begeisterung, die Zeitungen berichteten. Sie kamen und fotografierten das Haus, sie fotografierten uns, wie wir uns aus den Fenstern beugten und um die Freier warben. Dürers Hasen, die geilsten Weiber in der Stadt, das neue Bordell. Ein Skandal, was auf dem Schild stand. In großen, fetten Lettern sein Name, unverfroren und selbstbewusst: Albrecht-Dürer-Haus. Der kleine Zuhälter machte sich über die ganze Welt lustig, er verteilte Flyer in der Stadt, er verhöhnte Nürnberg. Eine schnelle Nummer im Dürer-Haus. Wir machen Sie glücklich im Dürer-Haus. Wochenlang schrieben die Zeitungen über ihn. Über uns.
Sie hassten uns. Und kamen in Scharen. Und je besser es lief, desto öfter schlug er mich. Er wollte mich kleinhalten, mir zeigen, dass er stärker war als ich, dass er die Hosen anhatte. Egal wie viel Geld ich verdiente, er nahm es mir weg. Fast alles. Ein Taschengeld durfte ich behalten. Weil er nicht wollte, dass ich weglief wie ein getretener Hund, er wollte, dass ich bleibe. Er zeigte es mir mit Schlägen, er sagte es mir liebevoll, wenn er betrunken war und Nähe suchte. Wenn er sich auf mich legte und es in mich hineinschrie. Der große Albrecht Dürer, der mich wundfickte, wenn er wütend war. Der mir sagte, dass er mich liebte. Mich verkaufte wie ein Stück Fleisch. Und mich wieder schlug. Immer wieder, weil er dachte, ich würde ihn betrügen. Dieses geldgierige Schwein. Viel zu lange ertrug ich das.
Kein Wunsch half. Ich musste bleiben, ich wusste nicht wohin, keinen Ort, an den ich hätte gehen können. Kein Pass, kein Geld. Nur Dürer. Nichts machte es besser. Monatelang nicht. Bis ich zum Hauptmarkt ging und am Ring drehte. Worüber ich mich im Stillen lustig machte, seit ich in Nürnberg war. Ich tat es einfach, ich stand vor dem Schönen Brunnen und rieb an diesem drehbaren Ring, der in die Eisengitter eingearbeitet ist, ein Meisterwerk der Schmiedekunst. Ich wollte an diese Geschichte glauben, die man sich in Nürnberg erzählt. Dass Wünsche in Erfüllung gehen, wenn man es tut. Weil ich am Ende war. Nichts mehr war gut, ich war leer, ausgebrannt, nur noch diese Schale mit Wunden. Verzweifelt ließ ich den Ring durch meine Finger gleiten und wünschte mir ein neues Leben.
Warten auf ein Wunder im Dürer-Haus. Darauf, dass es besser wurde. Mit leeren Augen in meinem Bett. Bereit unterzugehen. Doch es kam anders. Fast magisch war es, wie alles in Bewegung kam, wie sich von einem Moment zum anderen alles veränderte. Die Tür ging auf, und zwei junge Männer kamen in mein Zimmer. Betrunkene Jugendliche, die ich vom Fenster aus angemacht hatte. Leichte Beute, zufriedengestellt in wenigen Minuten, angenehme Kundschaft. Noch bevor ich nackt war, waren sie fertig, ich blieb beinahe unberührt. Grölend kamen sie, kleinlaut gingen sie. Zurück blieb nur ein bitterer Geschmack in meinem Mund und diese Reisetasche. Sie hatten vergessen, sie mitzunehmen, zu schnell wollten sie den Sündenpfuhl verlassen, sich von der billigen Nutte entfernen. Eine liegen gebliebene Tasche neben meinem Bett. Ich war neugierig, ich wollte wissen, was sie bei sich hatten, ob Geld in der Tasche war. Ich machte den Reißverschluss auf und schrie. Laut. Kurz. Dann hielt ich mir die Hand vor den Mund, ich wollte nicht, dass jemand in den Raum kam. Dass jemand sah, was da in der Tasche war. Das Entsetzen in meinem Gesicht.

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