Der Deutsche schlug seine Zeitung auf, der Spanier ein Buch. Herr Ludwig bemerkte, dass sein Gegenüber ein paarmal von seinem Buch aufsah, so als hätte er Lust, sich doch noch ein wenig zu unterhalten. Aber sie hatten alles Wichtige gesagt, fand Herr Ludwig. Und so saßen sie während der nächsten Stunden da, als würden sie sich nicht kennen.
     Irgendwann blickte der Spanier auf und sah aus dem Fenster. Obwohl es schon nach Mitternacht war, konnte man draußen noch alles gut erkennen. Nur, dass eben die Farben fehlten. Der Anblick schien irgendwas in dem Spanier auszulösen, denn sein Gesicht wirkte etwas besorgt.
     „Das dauert ja doch sehr lange“, erklärte der Deutsche schließlich, gähnte und machte es sich ein wenig bequem.
     Kurz bevor Herr Ludwig einschlief, passierte noch etwas. Ein junger Mann, mit einem auffälligen braunen Hut, blieb vor dem Abteil stehen, sah hinein, riss die Tür auf, wirkte irritiert, beruhigte sich wieder, schloss die Tür und verschwand. Nach diesem Ereignis, das sie beide mit einem Lächeln quittierten, lehnte der Spanier sich ebenfalls ein wenig in seine Ecke und sie einigten sich darauf, das Licht auszuschalten.
     „Ich verstehe nicht, warum in Zügen immer eine Notbeleuchtung brennen muss“, meinte der Deutsche noch, aber der Spanier zuckte nur mit den Schultern. Danach versuchte Herr Ludwig noch mal sein Glück und nach einer Viertelstunde gelang es ihm. Er schlief ein.
     Georg Wilhelm Ludwig träumte auf seine ganz spezielle Weise. Er ging einen etwa zwei Meter breiten Gang entlang und wusste, dass er in Madrid war, in seinem Traum. Er kannte diesen Gang, er hatte dort nie Probleme gehabt. Aber in seinem Traum schaffte er es natürlich nicht die Tür zu erreichen. Immer, wenn er fast dort angekommen war, musste er von vorne anfangen. Nun, er kannte diesen Traum, der Gang war für ihn alles andere als geheimnisvoll. Er war ihn oft gegangen.
     Die Stahltüren lagen auf der rechten Seite und links oben gab es alle fünf Meter ein hohes, vergittertes Fenster. Er hatte sich nicht darum gerissen dort zu arbeiten, er hatte nur versucht Leben zu retten. Aber warum bereitete ihm der Gang dann Probleme? Warum war er durchgeschwitzt als er aufwachte, warum meinte er, dass er fiebern würde? Nun, er schlief schnell wieder ein. Aber diesmal kamen weder ein Traum noch ein Gang. Es kam gar nichts mehr.
     Der Mann mit dem braunen Hut hatte die Tür des Abteils leise aufgeschoben. Er war zu Herrn Ludwig gegangen, hatte ihm den Lauf einer Pistole an die Schläfe gesetzt und ohne zu zögern abgedrückt.
     Oberst Diego Barreto wird in ein paar Stunden die Wunde am Kopf von Herrn Ludwig begutachten und von einem aufgesetzten Schuss sprechen. Das Abteil wird dann schwach nach süßlichen Feigen riechen. Aber noch ist es nicht so weit, noch rollt der Zug.
     Der Mann mit dem braunen Hut zog den kleinen Vorhang hinter Herrn Ludwig nach oben und drapierte ihn so, dass der Kopf des Toten nicht mehr zu sehen war. Señor Martínez sah auf die Uhr, während der andere den Koffer aus der Ablage holte. Danach ließ er sich von dem Mann mit dem brauen Hut auf die Beine helfen. All das geschah zügig, aber mit Ruhe.
     Die beiden Männer gingen ans Ende des Wagons und warteten dort bis der Zug um genau 1 Uhr 20 in Saint-Gaudens einlief, einer Stadt mit 9.000 Einwohnern.
     Alles, was aus Stein oder Blech war, hatte die Hitze des Tages gespeichert. Der Mond war rund, es gab Wolken am Himmel, aber keinen Dunst in der Luft, man konnte unglaublich weit sehen. Ein Bild, das den amerikanischen Fotografen Ansel Adams möglicherweise gereizt hätte.

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