Ein Schnalzen hat mich geweckt. Tony steht vor dem Bett und strahlt mich an. "Aufstehen!", schreit er. Nein, er krächzt es. Er würde gerne schreien, rein und klar, aber seine Stimme ist auf der Strecke geblieben. Er hat sie irgendwo auf seinem Lebensweg verloren. Vielleicht ist sie ihm von seiner Exfrau gestohlen worden, seinen Kindern, einem der Anwälte, die ihn in die Zange nahmen und auspressten. Ich weiß es nicht.
     Tony weckt mich, weil ich eine Lieferung zu transportieren habe, rüber nach Little Italy. Kisten voller Bücher, alles drin von Robinson Crusoe bis 20.000 Meilen unter dem Meer. Der gute alte Stoff, mit dem sich die Junkies gerne aus der Realität katapultieren. Nachdrucke sind leicht herzustellen. Neues wird eher selten geschrieben, und entsteht doch einmal etwas, wird es zu Höchstpreisen gehandelt. Weltweit.
     Ich quäle mich aus meinem Bett, obwohl ich ahne, dass ich es gar nicht verlasse. Ich habe den Blick auf die Wirklichkeit verloren, weil zu viele Fälschungen unterwegs sind. Tue ich das hier, oder liege ich unter Drogen in einem Hotelzimmer und träume diesen langen, unanständigen Traum nur?
     Der Gestank in der Hütte lässt mich ahnen, dass dies hier die Realität ist.
     Ich wische mir den Schweiß von der Stirn, einen merkwürdig zähen, schmierigen Schweiß, der nach Erdbeeren riecht. Erdbeeren? Wie merkwürdig. Eine künstliche Mücke hat sich auf meinem Arm niedergelassen. Selbstverständlich erschlage ich sie nicht. Das würde ich nicht wagen. Das Töten künstlicher Tiere kostet ein Vermögen, und sie bekommen dich, auch wenn ich nicht verstehe, warum sie die den Tieren eingebauten Sender nicht benutzen, um uns auszuheben.
     Vermutlich stimmt meine Theorie, dass alles nur ein Fake ist und ich nur eine Rolle im Staatstheater spiele.
     Ich setze mich auf.
     "Einen Moment", sage ich zu Tony.
     Dave liegt nebenan. Er ist mein Bruder. Und er ist süchtig. Er ist ganz verrückt nach Büchern. Er kann gar nicht mehr ohne sie sein. Wie eine Leiche liegt er auf der verschlissenen Matratze in seinem Zimmer und liest. Er wird am Lesen verrecken, ich kann es an seinen Augen ablesen, die längst nicht mehr unter uns weilen, die mich nicht mehr erkennen.
     "Dave?"
     Tony bewegt den Kopf langsam von links nach rechts. Ich höre ein Surren. Einbildung?
     "Du musst", sagt Tony. Dieses Krächzen. Er klingt wie eine Maschine, die nicht anspringen will. Leute wie Tony kommen aus der Mode. Heutzutage modifiziert man sich. Man kauft Zusatzteile für seinen Körper. Die Augen werden tätowiert, man lässt sich Rechner implantieren, die mit Sonnenlicht und Batterien angetrieben werden. Wir sind online, so lange schon, dass wir gar nicht mehr wissen, ob wir irgendwann wieder offline waren.

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