Die Poster von Robert Pattinson müssen leider in ihrem Mädchenzimmer bleiben, denn es würde Lorenz bestimmt nicht gefallen, wenn der attraktive Vampir aus der Twilight-Saga die Wände ihres ehelichen Schlafzimmers zieren würde. Aber vielleicht kann sie ja eines der Bilder an den neuen amerikanischen Kühlschrank pinnen, der auch Eiswürfel machen kann. Eiswürfel, die wären jetzt gefragt, bei diesen Temperaturen. Hinter Ariane rauscht eine Toilettenspülung und eine Tür geht auf.
    „Hi, Ariane, hier bist du. Wolltest du dir auch den Auftritt der Hupfdohlen ersparen?“
    Ariane nickt Katrin Klausen im Spiegel zu. Katrin trägt Jeans und eine blaue Leinenbluse. So geht die zu einer Hochzeit, werden die anderen Gäste hinterher tuscheln. Sie haben ja immer was zu tuscheln.
    Katrin legt Ariane kurz die Hand auf die Stelle, wo sich der Träger des bräutlichen BHs über ihre knochige Schulter spannt. Katrins Hand ist warm, trocken und ein wenig rau. „Alles Gute zur Hochzeit, Ariane!“
    „Danke, dass du gekommen bist“, sagt Ariane verlegen.
    Katrin wäscht sich die Hände mit den vielen Ringen und fährt mit einem Kajalstift um ihre Perlmuttaugen. Mit einem Kamm, den sie aus der hinteren Tasche ihrer Jeans zieht, streicht sie durch ihr honigfarbenes Haar, das ihr herzförmiges Katzengesicht in sanften Wellen umspielt. Alles an ihr ist weich und harmonisch.
    Arianes Augen sind zwei kleine, tief in den Höhlen liegende Schlitze, ein Eindruck, der durch die hohen Wangenknochen und die lange, hakenförmig gebogene Nase noch verstärkt wird. Und wenn sie lächelt, so wie jetzt, sind ihre schmalen Lippen kaum noch zu sehen. Alles an ihr ist irgendwie zu dünn und zu lang: Beine, Arme, Finger, Hals – und auch sie selbst. Ihre Bewegungen wirken ungelenk und hektisch, und mit eins sechsundachtzig überragt sie die meisten Männer, auch ihren Bräutigam. Zur Feier des Tages hat sie ihre mausbraunen Flusen in Löckchen legen lassen, die sich nun unter dem Schleier herausgewunden haben und an ihren bleichen Wangen kleben. Da hilft weder Rouge noch Puder und auch kein Solarium: Ihr Gesicht sieht immer durchscheinend blass aus, als wäre sie gerade einem Sarg entstiegen, sogar dann noch, wenn sie schwitzt oder lügt. Schon seit ihrer Kindheit ist das so. Bohnenstange nannten sie sie im Kindergarten, oder Heuschrecke. Später dann Frankensteins Braut, Zombie, Spiderwoman.

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