Das ist eine 1A-Immobilie, A52-Anschluss, Ruhrblick. Ein Loft in dieser Lage geht nicht unter 3000 pro Quadratmeter weg. Top-Ausstattung. Marmor und Granit im Bad, Armaturen von Herzbach, Echtholzparkett, bodentiefe Balkonfenster.
    Grote sagt, wenn sie heute zum Abschluss kommen mit dem Kunden, gibt er ihr ein Zehntel der Provision, das sind … Sie rechnet sich das zum hundertsten Mal durch, da sieht sie auch schon Grote in seinem Protz-Audi heranrollen. Der Klient wird sicher auch bald kommen.
    Grote riecht nach Sandelholz. Grote von Grote & Partner, Makler und Immobilienverwaltung, macht gern auf dicke Hose. Im Büro grinsen sie darüber, wenn er nach jedem Abschluss eine Magnumflasche Roederer anschleppt.
    »Hi Süße!« Da ist was in seinem Ton.
    Im Büro sagen sie, dass er es mit allen Mädels treibt. Sie hat dieses Alphamännchen-Gequatsche für Blödsinn gehalten. »Der Klient kommt später. Hat vorhin angerufen.«
    Es geht mit dem Außenlift nach oben, sie blicken über die Stadt. Das Loft ist leer. Und sie fragt sich, wieso sie nicht nein sagt, als er anfängt, sie zu befummeln und zu bequatschen. Von Provisionen, die er mit ihr teilen will und überhaupt. Er hat eine Flasche Roederer in seinem Aktenkoffer, dazu Gläser und ein paar Spielzeuge.
    Und irgendwann wird ihr klar, dass sie gerade vor ihm kniet und ihn bedient, und er sich stöhnend zurücklehnt, und sie dabei mit einem Handy filmt.
    »He, Süße, was ist denn …«
    Dann trifft ihn die Schampusflasche am Kopf. Er geht zu Boden.
    Sie spuckt ins Waschbecken, spült sich den Mund aus, nimmt ihm das Handy aus der Hand und fährt mit dem Lift nach unten.
    Draußen löscht sie als Erstes das Video vom Handy. Und als sie an seinem Audi vorbeigeht, zerkratzt sie ihm mit dem Schlüssel die ganze Seite.

Es ist jetzt gleich Mittag. Wilhelm freut sich. Es wird Rosenkohl geben. Das hat ihm der Pfleger vorgelesen, vom Wochenplan auf dem Nachttisch. Der liegt unter dem teuren Telefon, das ihm seine Tochter mitgebracht hat. Damit kann er sie jederzeit anrufen, sagt sie. Er hat vergessen, was sie noch erklärt hat, aber er ist froh, dass sie so schnell wieder was gefunden hat, bei der Sparkasse, nachdem sie bei dem Makler aufgehört hat.
    Im Augenblick hört er der Studentin zu, die ihm aus der Zeitung vorliest. Die Studentinnen kommen jeden zweiten Tag und kümmern sich ein bisschen um alle hier auf der Station.
    »… wurde der 34-jährige Cyril B. als Verdächtiger im Fall des ermordeten Ahmed A. verhaftet …«, liest sie gerade.
    Er mag Rosenkohl sehr. Sogar so, wie sie ihn hier immer zerkochen. Der herbe Geschmack erinnert ihn an die Zeit in seinem Schrebergarten, er weiß nicht mehr genau wann, lange her jedenfalls. Die Sonne brannte viel heißer, damals im Sommer. Und die Bienen summten und die Köttelbecke hinter den Gärten stank zum Himmel.
    Er fährt zusammen, weil er wieder mit seinen Gedanken in die Vergangenheit gerutscht ist. Das Handy blinkt. Er hat vergessen, was ihm seine Tochter dazu erklärt hat.
    »Soll ich rangehen?«, fragt die Studentin.
    Er will nicht angerufen werden. Auch nicht von seiner Tochter. Wenn sie was will, soll sie vorbeikommen. Sie wohnt ganz in der Nähe, an der Frankenstraße, keine 10 Minuten.
    »Das ist aber ein schickes Handy«, sagt die Studentin und liest ihm weiter vor.
    Später, als sie ihre Sachen in ihren Fahrradkorb packt und in ihre Jacke schlüpft, lässt Wilhelm das Handy in den Korb gleiten.

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