Weißt du noch, wie sie dich als frisch gebackenen Wachtmeister einmal in den "Kaiserhof" am Borbyer Ufer gerufen hatten? Weil eine Meinungsverschiedenheit zwischen einem Vorsitzenden des Reichslandbundes und einem Hamburger Künstler in eine Schlägerei ausgeartet war? Eine Menge Thonet-Stühle waren im Speisesaal zu Bruch gegangen, ein Klavier und mehrere Kristallschalen in Mitleidenschaft gezogen worden. Geprügelt hatten sich allerdings nur die Chauffeure und Sekretäre der beiden Herren. Der Landbundvorsitzende kommandierte wie früher beim Freikorps, und der Künstler war Pazifist. Jude noch dazu, weshalb ihm nachher die Strafe und die Kosten der Renovierung aufgebrummt wurden. Du hattest dich dazwischen geworfen, ein blaues Auge kassiert und eine dienstliche Rüge, weil du den militärischen Rang des ehemaligen Kommandanten nicht ernst genommen hattest. Auch der jetzige Bürgermeister von Eckernförde war mal Kreisleiter im Reichslandbund und beim Freikorps gewesen. Das wusstest du doch. Sei auf der Hut, hatte man dir gesagt, sogar manche deiner SPD-Kollegen kuschen, wenn der Lievkes kommt!

Deine Junggesellenbude unterm Dach mit Blick auf die Bahngleise wirst du auch vermissen. Trotz des störenden Lärms der Dampfloks. So manches Mädchen fand den Blick über den Bahndamm hinüber zum Borbyer Ufer und hinaus auf die breite Bucht romantisch – bis die Kohlenrauchschwaden hereinwaberten. Schön war es anzusehen, wenn die Urlauberinnen in ihren weißen Sommerkleidern an den Fenstern der Waggons standen und mit den Taschentüchern winkten – wenn sie ankamen, oder sich die Tränen abtupften – wenn sie abfuhren. Doch eines Tages hatten in dem Zug hunderte von Landarbeitern gesessen. Bauerntölpel, aber gut organisiert. Und in Uniform.

Das war im letzten Sommer gewesen. Da hatten sie noch als Staatsfeinde gegolten. Jetzt, ein Jahr später, gehörte ihnen der Staat. Und damit auch die Polizei. Deshalb schlief er in letzter Zeit auch so schlecht. Das leise Geräusch des winzigen Steins, der gegen sein Schlafzimmerfenster prallte, bemerkte er sofort. Unten stand Hilde. Das war nun allerdings eigenartig. Rätselhaft, irritierend und komisch zugleich. Denn erstens hatte sie sich immer geweigert, "solche unanständigen Eskapaden" mitzumachen, und zweitens war sie doch längst verheiratet. Er schlich hinunter und machte ihr auf. Kaum war die Tür offen, schlüpfte sie herein und legte den Zeigefinger an die Lippen. Oben angekommen, merkte er, dass sie vor Aufregung zitterte. Er schloss behutsam die Tür. Sie schüttelte den Kopf, als er auf den Stuhl deutete. Mit bebender Stimme stieß sie hervor: "Karl! Du wirst als Verbrecher gesucht!"

Das konnte nun wirklich nicht sein! Er war Polizeibeamter und hatte stets die geltenden Gesetze und Dienstvorschriften beachtet, selbst wenn sie ihm nicht gefielen. Er hatte den Eid auf die Verfassung geschworen und es ernst gemeint mit seiner Aufgabe, dem deutschen Volk und seiner Republik zu dienen. Deshalb war er auch Mitglied der sozialdemokratischen Partei geworden. Freiheit, Gerechtigkeit und Ordnung, dafür wollte er eintreten. Den Frieden im Land erhalten, in der Hoffnung, dass es den Politikern gelang, den Frieden nach außen zu sichern. Dass trotzdem im Laufe der Jahre das Kriegsgeschrei auf den Straßen zunahm und die Gesellschaft in feindliche Lager zerfiel, die sich bis aufs Blut bekämpften, hatte ihm zugesetzt.
     Hier in dieser kleinen Stadt im Norden – wo an Sommertagen die Ostseewellen an den Strand plätscherten und Urlauber sich in Strandkörben räkelten; wo man in feinen Häusern aus Fachwerk Gastfreundschaft pflegte; wo reetgedeckte Wohnhäuser breit und gemütlich dahockten; wo die einzigen Kugeln, mit denen man zielte, die der Kegelbahnen waren; wo man in Pavillons an der Promenade saß und Butterkuchen mit Schlagsahne verzehrte, während draußen kleine Ausflugsdampfer übers Meer glitten – hier gab es doch keinen Grund Krieg zu führen und zu töten.
     Aber es gab eine Torpedoversuchsanstalt. Und es gab Männer in braunen Uniformen mit schweren Gürtelschnallen und Koppeln an den Schulterriemen, genagelten Stiefeln und geballten Fäusten. Und einen Polizisten, der zwischen die Fronten geriet. Der eine Dienstpistole bei sich trug, in der Patronen steckten. So wie die Torpedos durchs Wasser schießen, auf der Suche nach dem Ziel, so sausen die Kugeln einer Pistole durch die Luft.

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