Indizien existieren. Auch jenseits politikwissenschaftlicher Fachaufsätze und literarischer Provokationen existiert die Vermutung, dass nicht zuletzt das sexuell einengende Klima der arabischen Gesellschaften den Aufstand im Frühjahr 2011 befördert habe. Junge Menschen ohne berufliche, aber auch ohne Perspektive, seien dort auf die Straße gegangen. Erregt vom Feuertod des Mohamed Bouaziz und plötzlich begreifend, dass ihnen keine Chance auf ein eigenes Privatleben gegeben wird. Kein Wohnraum, keine Intimität, nur eine immerwährende „crise de lôgement“ und ein System, das sich nicht ändert.

Und umgekehrt gingen ja auch mit jedem Akt politischer Befreiung furchtbare Akte sexualisierter Gewalt einher. Ob es sich um Vergewaltigungen auf dem Tahrir-Platz oder Todesdrohungen gegen die ägyptische Kunststudentin und Bloggerin Aliaa Magda Elmahdy handeln mag. Aktuell kommen Horrormeldungen hinzu über Frauen, die von den Kämpfern des Islamischen Staates brutal misshandelt werden, oder aber sich ihnen freiwillig anschließen. Aus den 90er Jahren Algeriens sind derartige Geschichten bekannt. Die Frage, wie man nach dem Ende des „Schwarzen Jahrzehnts“ gesellschaftlich und rechtlich mit Kindern umgehen soll, die unter Zwang und im Untergrund gezeugt wurden, beschäftigt die algerische Justiz noch immer.

Wenn Sex und Liebe also auch eine solch verrohte Seite haben, die gleichzeitig verletzten, aber auch bestehende Verhältnisse zerstören kann, dann scheint es richtig zu sein, ihnen eine politische Bedeutung zuzuschreiben. Denn entscheidend für Politik ist, was die Menschen antreibt. Und in dieser Konsequenz – nicht als unerwarteter Rettungsanker für einen Plot in der Sackgasse – kann der Verweis auf die Liebe und Sexualität in einem Thriller funktionieren. Gleichwohl: für ein glückliches Ende war im Fall von Tarik und Wahiba kein Platz. Ihre Aussicht auf Liebe war zu schwach, um gegenüber den Strukturen ihres Umfeldes zu bestehen.

Frühings Erwachen, arabisch. Wedekind stellt an das Ende seines Dramas Melchiors Rettung, welcher sich von einer vermummten Verkörperung „des Lebens“ davon überzeugen lässt, dass der Suizid keinen Ausweg aus all den gesellschaftlichen Zwängen und Katastrophen biete, und dass die Liebe zum eigenen Leben Zukunftsperspektive genug sei. Wenn ich mir die Nachrichten aus Nordafrika und dem Nahen Osten anschaue, dann würde ich mir dort mitunter etwas mehr Liebe zum eigenen Leben wünschen. Aber selbst das ist schon politisch.

 

Jörg Walendy © 10/2014

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