Er habe selber beim Schreiben immer wieder die innere Augenbraue hochgezogen. Vielleicht gerade deswegen hat der Brite zwischen 1964 und Ende der 80er Jahre mit seinen Ghote-Krimis die Grenze zum "kolonialen Blick" von oben kaum überschritten. Über den leicht trottelig wirkenden – moralisch aber integren und herzenswarmen – Inspector Ghote hat Keating als Moralist aus der Sicht eines einfachen Inders die Hierarchien der indischen Kastengesellschaft geschildert. Im Kern, sagen Landeskenner, sind die von Ghote mit seiner Naivität aufgedeckten Klassenstrukturen in Indien bis heute vorhanden – auch wenn sich in der größten Demokratie der Welt mittlerweile eine wirtschaftlich erfolgreiche Mittelschicht herausgebildet hat.

In Indien wurden Keatings Krimis gut aufgenommen. Die Rezensenten lobten ihn. Dazu mag auch beigetragen haben, dass der Respekt vor allem Britischen noch immer tief verankert war. Den Ritterschlag erhielt Keating 1993, als ihm die indischstämmige, in Amerika lehrende Englischprofessorin Meera Tamaya in einer Studie sogar wissenschaftlich bescheinigte, frei von jedem "Kolonialismusverdacht" zu sein. In "H.R.F. Keating – Post-colonial detection" sieht sie den Krimiautor eher in der Tradition von E.M. Forster, der britischen Imperialismus und Rassismus seiner Zeit in Indien gegeißelt hat. Dabei ist Ghote auch für sie durchaus eine Maske für Keating selbst – der indische Detektiv ist also doch das Alter Ego des englischen Schriftstellers.

Keatings Ghote-Romane sind mehr als Krimis, die in Indien spielen. Um sie richtig zu verstehen, muss man sie einbinden in die größere Perspektive der britischen Literatur über Indien. Die Anglistin Tamaya hat ihre ersten Ghote-Krimis in den 70er Jahren gelesen, als sie von Indien in die Vereinigten Staaten übersiedelte. Aufgefallen ist ihr damals, wie authentisch diese Geschichten aus Bombay waren – bis hin zu den kleinen Details der indischen Gesellschaft. Das war nicht dieser westliche Blick von oben. Ein kleiner indischer Inspektor mit großen Schwächen, der um diese Schwächen weiß, beschreibt das Land mit seinen sozialen Schichtungen und Spannungen und seinen Augen.

Dabei hat Keating seine ersten Krimis mit Ghote geschrieben, ohne jemals in Indien gewesen zu sein. Auf Wörtches Frage meinte Keating vor einigen Jahren:

"Eine solche Reise war ganz einfach zu teuer für einen Vater von vier Kindern. Tatsache ist auch, dass Air India mich nach den ersten vier Ghote-Büchern zu einer Indien-Reise eingeladen hat. Vorher kannte ich das Land nur aus Romanen über Indien und als regelmäßiger Leser der Times of India und anderer Zeitschriften."

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