Der Klassenlehrer, der sich dem "Experiment" widersetzte, wird von Soldaten des Regimes ermordet. Seine Leiche präsentieren die Schergen der Diktatur den Schülern mit dem Sadismus, der auch manchen Killer der SS ausgezeichnet hat. Kitano, ein schmieriger früherer Lehrer der Klasse mit einer Vorliebe für Mädchen in kurzen Röcken – eine offene Anspielung auf den Lolita-Komplex japanischer Geschäftsmänner und die Schulmädchen-Prostitution im Japan Ende der 90er Jahre – erklärt im nüchternen Ton des Bürokraten die "Lektion des Tages": Die Schüler sollen sich gegenseitig ermorden, bis nur noch einer von ihnen überlebt. Wissenschaftler verfolgen das Experiment und lernen daraus für die Streitkräfte der Diktatur.

Literarisch ist "Battle Royale" alles andere als ein großer Wurf. Der Roman lebt von den ausführlichen Schilderungen des Gemetzels. Die Verfilmung des Buchs durch den Regisseur Fukusakiú Kinji 2000 stieß wegen der vielen gewalttätigen Szenen deswegen auch auf große Kritik. Was macht den Menschen "menschlich"? Wie weit kann er sich einem totalitären Regime widersetzen, das ihn zum Töten zwingt? So schwach Takamis Thriller sprachlich auch ist – wobei der Verfasser dazu nur die englische und die deutsche Übersetzung heranziehen konnte –, so schwach letztlich auch Plot, so oberflächlich und flach die Charaktere auch bleiben; selten hat ein Autor sich dieses Themas so brutal und offen angenommen.

Mit William Goldings "Herr der Fliegen" kann der Japaner literarisch und intellektuell auf nahezu keiner Ebene mithalten. Doch die Botschaft, was aus Menschen werden kann, wenn sie in die Fänge eines totalitären Staates geraten, hat er gerade mit seiner einfachen Sprache erschreckend deutlich gemacht. Das erklärt den Erfolg, den das Buch nicht nur in Japan gehabt hat. Wer den Konformitätsdruck asiatischer Gesellschaften kennt – allen voran der japanischen – , der ahnt, wozu totalitäre Herrschaft fähig ist. In einer Zeit, in der deutsche Manager offen die Erfolge des autoritären Kapitalismus in China bewundern, in denen auch in den westlichen Ländern – um Streeck noch einmal zu zitieren – die "Märkte" die Staaten disziplinieren und sich neue plutokratische Herrschaftsformen abzeichnen, muss einem bei der Lektüre von "Battle Royale" der Atem stocken. Was sich der japanische Autor ausdachte, ist so real, dass es schon in naher Zukunft auch wirklich möglich wäre. Motive für das Töten: Der Staat, der Freiheit und Individualität verfolgt und alles Wohlstand und wirtschaftlichem Interesse unterordnet, befiehlt – und alle Menschlichkeit geht verloren.

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