Jean-Patrick Manchette hat, wie vieles mehr, auch diesen Unterschied zwischen Land- und Stadtstraße kapiert – seine Hauptfigur in „Le Petit bleu de la côte Ouest“ kreiselt Cool Jazz hörend in ihrem Benz auf der Periphérique, von A nach A. Und nicht umsonst ist einer der größten und bildmächtigsten Comic-Künstler unserer Zeit, Jacques Tardi, ein penibler Vedutenmaler, ein brillanter Rekonstrukteur von Pariser Straßen durch die Jahrzehnte, der aus Léo Malets Straßenkrimis (die Arrondissement-Krimis von Malet sind Prachtexemplare dieser Spezies) noch mehr Kontext, noch mehr Atmosphäre, noch mehr sinnliche Dimensionen herausholt als der Prosaautor selbst und damit die Rolle von Kriminalromanen für das Verständnis unserer Kulturen unterfüttert.

Und wer von Straßen des Verbrechens redet, darf an den großen Metropolen, an den Gigastädten in Asien, Afrika und Lateinamerika nicht vorbeigehen. Verdichtungsräume produzieren Gewalt und Verbrechen und die entsprechenden Narrative. Die Frage, ob die Stadt denen gehört, denen die Straße gehört (um diese Diskussion faktisch vorzuentscheiden, hatte George-Eugéne Baron Haussmann die Pariser Boulevards als Schuss-Kanäle für den Artillerieeinsatz gegen „das Volk“ angelegt, auch ein Aspekt von „Straße“) oder nicht, ist ständiges subkutanes Thema – wir finden es in brasilianischen Städten, erzählt von Rubem Fonseca und Paulo Lins, im Mexiko D. F. von Paco Ignacio Taibo II, im Luanda von Pepetela, im Algier von Yasmina Khadra, im Kairo von Parker Bilal, im Accra von Kwei Quartey und ad infinitum … Straßen und Städte werden, so gesehen, zu einem Themenkomplex und genau darum sollte es hier eigentlich gar nicht gehen.

Aus dieser Patsche hilft uns einer, dem – in Sachen Unterwegssein – Landstraße wie Avenue ist, Route 66 wie der Times Square: Jack Reacher. Lee Childs Held bewegt sich längs und quer durch alle Raumordnungssysteme, immer im Transit-Modus, immer fremde Territorien transitorisch besetzend und notfalls verheerend, unausrechenbar, von Pfaden und Straßen und Highways abweichend, in den Städten underground ausweichend, um anderswo wieder aufzutauchen. Man könnte fast sagen, dass Lee Child mit Reacher das On-the-road-Sein entgrenzt hat. Es bleibt aber dabei, dass auch hier Gewalt und Verbrechen das movens der Narrative sind. Klar.

Coda: Wie leicht und ironisch man die Straße, den Teufel, Crime und die amerikanische Pop-Kultur in einem Schlaglicht zusammenbringen kann, hat Eyre Price gezeigt – mit seinem On-the-Road-Roman, der schlicht und einfach „Road Kill“ heißt. Von Road Kill allerdings ernährt sich auch Skink, diese unwahrscheinlich bizarre Figur aus dem Universum von Carl Hiaasen, und so spinnen sich die Assoziationsketten fort wie eine Straße ins Unendliche. Oder so.

 

Thomas Wörtche © 12/2014

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