Der Fettabsaugerüssel, der mörderisch in Carl Hiaasens „Skin Tight“ („Unter die Haut“, hieß der immer noch gigantisch komische Roman auf Deutsch) zum Einsatz kommt, ist so ein Fall: Ist er ein typisch schönheitschirurgisches Instrument und insofern, weil viel plastische Chirurgie in Florida betrieben wird, ein floridaeskes Mordwerkzeug? Aber wie sähe dann eines aus den entsprechenden Kliniken am Bodensee oder aus Southern California aus? Und stellen wir uns den Plastinator nicht genau mit diesem Gerät bei der Arbeit vor? Auch bei Hiaasen gibt es irgendwo einen Mord mittels Schwertfisch – einsichtig, dass der überall in schwertfischreichen Gewässern hätte passieren können, und dass in Kim Lanskys „Tödliches Fahrwasser“ ein Rochenstachel Leute zu Tode bringt, ist eher dem Beruf des Mörders geschuldet denn Stralsund, dem Schauplatz der Handlung. Dass in Stan Jones‘ Alaska-Krimis um den State Trooper Nathan Active Harpunen zum finalen Einsatz kommen, ist genauso evident – denke ich – wie Armbrüste und andere Jagdwaffen in den wunderbaren Wilderness-Romanen von C.J. Box und so weiter … Mit anderen Worten: Der berühmte stumpfe Gegenstand aus dem üblichen Fernsehkrimi (deutsch oder britisch oder …. ist egal) tritt in mancherlei orts- und berufsspezifischer Gestalt auf.

Bleibt also zu untersuchen, ob in der Tötungsinszenierung signifikante Unterschiede zwischen Nord und Süd, Europa, Afrika, Asien oder Ozeanien bestehen. Aber auch da tue ich mich schwer:

Die Bilderwelten, denen die ganzen Tötungsrituale und –phantasien entstammen, sind mehr oder weniger deckungsgleich mit dem  „Weltkulturerbe“. Menschen tun Menschen alles an, was möglich ist, das nicht zu wissen, ist nach Auschwitz in der Tat unmöglich. Die Formel Das gibt´s doch nicht ist Ausdruck entweder von Dummheit oder Ignoranz.

Ein globales Tötungsarten-Tabu existiert, soweit mir bekannt ist, nicht. Seit Apollon den Marsyas gehäutet hat, ist die Büchse der Pandora offen. Inspiration gibt es bei Hieronymus Bosch, dem Höllen-Breughel, Matthias Grünewald, in Hexenhämmern und Folterhandbüchern, bei Opferzeremonien – und, nachdem die KZs alles getoppt haben, was man für möglich halten wollte, heute in jeder Tagesschau: Köpfen, Steinigen, Kreuzigen …

Die Radikalität der Tötungsbilder (und gleichzeitig die Denunziation der Sexualität, die nur im engen Konnex zum Töten gedacht wird, wie Ursula Pia Jauch gerade in dem exzellenten Nachwort zu ihrem Sampler „Sade – Stationen einer Rezeption“ richtig bemerkt hat, und ein Kommentar zu Freuds Libido/Thanatos-Junktim nebenbei bemerkt auch), die der Marquis de Sade in seinen Schriften entfacht, wirken immer noch weitaus schmerzhafter als die Tableaus der grausamen Albernheiten von Sebastian Fitzek und Co. Die wiederum sind keinesfalls geographisch oder kulturkreis-typisch. Sie funktionieren im UK (Mo Hayder) so gut wie in Frankreich (Jean Christophe Grangé), in Neuseeland (Paul Cleave) genauso finster wie in Südafrika (Roger Smith).

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