Und was hat das Ganze mit Liebe zu tun? Liebe, meint Eva Illouz, impliziert Leid, sowohl in emotionaler als auch in institutioneller Hinsicht und deswegen, so vermutet sie according to Paul Ricœur, erscheint dieses Leid als Klage, dass alles blind und willkürlich sei. Wenn also der letzte Satz von Derek Raymonds kapitalem roman noir „Nightmare in the Streets“ lautet: „Und Liebe war überall, zuletzt“ und er gleichzeitig den roman noir definiert als „a novel of mourning“ – als Roman des Trauerns –, dann scheint der Zusammenhang evident: Liebe als „the only engine of survival“ (um noch einen Großen unserer Tage zu zitieren: Leonard Cohen) ist in literarischer Kombination mit Gewalt und Verbrechen oft beklagenswerter Verlust. Am eindeutigsten bei den Rachegeschichten, prototypisch „Death Wish“ von Brian Garfield. Kein Kritiker, der anlässlich dessen Verfilmung durch Michael Winner mit Charles Bronson in der Hauptrolle als „Ein Mann sieht rot“ nicht eine „fragwürdige Moral“ des Films stirnrunzelnd bemäkelt und gegeißelt hätte. „Law Abiding Citizen“, auf Deutsch „Das Gesetz der Rache“, ein Film von F. Gary Gray dekliniert das Thema 2009 noch einmal durch: Ein am Justizsystem verzweifelnder Mann, der seine Familie, die er über alles liebt, durch Mörder und Vergewaltiger verliert, rächt sich. Bronson 1974 eher pragmatisch, Gerald Butler in dem neuen Film mit ausgefuchst grausigen Quälmethoden – Liebe als Auslöser von Rache ist zur Lizenz der Grenzüberschreitung geworden und insofern auch als „Thema“ sekundär. Die Trauerklage über den Verlust mutiert zu etwas extrem Unbehaglichem – denn ob die Rächer den emotionalen Verlust bedauern und aus Trauer zum Berserker werden wie Achilles nach dem Tod von Patroklos oder ob es ihren sozialen, gar sozioökonomischen Status als pater familias so erschüttert, dass sie den Herausforderer und seine Sippe bis ins letzte Glied alttestamentarisch ausrotten müssen, das entscheidet vermutlich die Regelung der Verhältnisse unter den Geschlechtern.

Dass diese Verhältnisse gerade im amerikanischen noir besonders prekär erscheinen, ist schon tausendfach bemerkt worden. All die bösen Frauenfiguren, die die Texte von Chandler, Cain, Thompson & Co. bevölkern und die Männchen ins Unglück stürzen, weil die sich hilflos und schwanzgesteuert haben einweben lassen (man beachte die Metaphern von Spinne bis Mantis, die in diesen Fällen gerne genommen werden) in Laster und Lust, erklären das romantische Konzept von „Liebe als Sprache des Herzens“ vermittels ihrer erotischen Verlockungen und Verführungskünsten als überholt und gescheitert. Deswegen sind Frauen alle so abgrundtief böse, wie es die unglaubliche Salma Hayek als Santanico Pandemonium ironisch auf den Punkt bringt. Obwohl – wirklich ironisch? Oder kann sich „Genre“ so viel Sex gar nicht anders als böse vorstellen?

Die Liebe zur femme fatale ist für den Helden des noir immer verhängnisvoll, wobei ausgerechnet der männliche Teil daran glaubt, er könne das Sexualkapital „Liebe“ zum Statusgewinn auch auf anderen sozialen Feldern einsetzen (um eine Argumentation von Eva Illouz zu konkretisieren). Wir wissen, dass das übel ausgeht. Bei den Pessimisten unter den Schriftstellern scheitert der Mann, bei den Optimisten müssen die Frauen dran glauben, wobei an diesem Punkt der Romantiker Chandler und der Protofaschist Spillane die realitätstüchtigeren Köpfe gemessen an den wirklichen Geschlechterverhältnissen sind: Die Kerle müssen ein bisschen leiden, c´est tout, die Mädels kommen in den Knast oder verlieren ihr Leben. Gerade am Punkt „Liebe“ zeigen sich die enorm systemstabilisierenden und affirmativen Aspekte des klassischen noir.

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