Kleine Cliffhanger hingegen versprechen oft „Spannung“, verpuffen aber, weil inflationär, ziemlich flau und lau – lesen Sie mal irgend so ein sinnloses Blutgepütschere von Fitzek (oder & Co.), mit den Minicliffhangern nach  allen 2 Seiten (oder weniger) – da sehen wir, wie ein Stilmittel wie suspense zum literarischen Kleingeld wird, das man, um ein anscheinend grenzenlos leidensfähiges Publikum bei der Stange zu halten, einsetzt, um die Leserschaft auf die nächste Seite zu prügeln, die ohne diese inflationären Grobreize schon längst ausgestiegen wäre. Aber so einfach ist es nicht: Ein Teil des p.p. Publikums wird, wie nach einer permanenten Überdosis Antibiotika, resistent, und wendet sich ab. Der andere und vermutlich größere Teil baut sich nach solchen Überdosen und Dauerbeschießungen ästheto-physiologisch (nicht nachschlagen, diesen Begriff habe ich gerade erfunden) um, hat sich an diese dramaturgischen Grobreize gewöhnt und hält alles, was nicht diesem Muster folgt, für verkopften Schwachsinn, den kein Mensch braucht. 

Und ja, meine begrenzte soziale und ästhetische Phantasie kann sich schwer vorstellen, dass es jemand spannend finden kann, aus einem von einem Autor offerierten Set von fünf Figuren den „Mörder“ herauszufinden oder „sich überraschen“ zu lassen, also das bereits feststehende Ende (einer wird´s wohl sein) „spannend“ zu finden. Und wenn ein Typ mit dem Hackebeil und einer Gesichtsmaske (etc.) durch ein knarzendes Haus schleicht und bedrohlich knurrt – dann folgt eine abscheuliche Bluttat oder nicht – 50:50. Das ist wenig überraschend, schon gar nicht spannend. Nicht ob, sondern wann, ist dann die Frage. Das wiederum ist angesichts des Zeitbudgets eines Films oder Platzbudgets eines Buchs auch relativ leicht zu ahnen –

Spannung? Na ja, wenn jemand noch nie einen Film gesehen hat (oder ein Buch gelesen hat), in dem ein Typ mit Hackebeil und einer Gesichtsmaske durch ein knarzendes Haus schleicht, vielleicht.  Denn die große Crux mit der Spannung ist, wer sie wie wahrnimmt. Ich fürchte, „Spannung“ ist eine extrem subjektive Größe. Ich zum Beispiel finde (Achtung, wildeste Auswahl ohne Anspruch!) GoT, den „Ulysses“, vieles von Kafka, alles von Hammett, Prousts „Recherche“, Jerome Charyn und Comics von Tardi extrem spannend – Donna Leon, Christopher Brookmyre, Ian Fleming, Nele Neuhaus, Andrew Vachss und alle Tarantino-Filme außer Pulp Fiction und Jackie Brown extrem unspannend.

Man könnte daraus jetzt ein Bourdieu´sches Argument machen, laut dem das, was man spannend zu finden vorgibt (oder tatsächlich spannend findet), weniger eine Aussage über das jeweilige Kunstwerk ist, sondern eines über den Sprecher: Wenn ich Tarantino uncool finde, wie cool bin dann erst ich? Wenn ich Kafka spannend finde, wie exquisit ist mein literarischer Geschmack und wie eminent mein Reflexionsniveau? Und wie proll, Nele Neuhaus spannend zu finden, und wie ahnungslos, Ian Flemings Prosa nicht in ihrer ganzen stilistischen Brillanz zu verstehen.

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