Daran schließt sich automatisch die Frage an, ob die Mordmotive der „Kleinbürger“ nicht signifikanter sind für den Zustand einer Gesellschaft als die der Institutionen und Korporationen (darunter auch das Organisierte Verbrechen, Nationalstaaten, transnationale Organisationen), die aus strukturellen Gründen morden, deren Motivlage in den Stratosphären irgendwelcher Raison oder gewaltgestützter Despotie oder den „Gesetzen des Marktes“ etc. schweben.

Aber zurück zur klassischen Kriminalliteratur. Tatsächlich spielt da „Motiv“ nur eine sehr geringe Rolle. Das Anti-Motiv: „Das perfekte Verbrechen“ (wir kennen es in unzähligen Varianten) zielt auf die „alte“ Tradition des De Quincey´schen „Murder considered as a fine art“ und die diversen ästhetischen Deklinationen des Themas bei Jorge Luis Borges und bei Borges/Adolfo Bioy Casares. „Motiv“ darf da keine substantielle Kategorie sein.

Innere „Glaubwürdigkeit“ und „Plausibilität“ eines Textes hängen sowieso schon unausgesprochen am „Motiv“. Aber wenn das Motiv der unendlichen Vielfalt menschlicher Verhaltensweise eingepasst ist, ist es schon wieder egal: Dann kann die grellste und offensichtlichste Unplausibilität über ein angemessen schräges „Motiv“ abgesichert werden, Hauptsache, es wird, siehe oben, wieder brav abgearbeitet und abgehakt. Oder es stört und kann aus ästhetischen Gründen „herausgekürzt“ werden. Das ist künstlerische Freiheit: Der Autor setzt, weil Texte keine metaphysischen Gebilde sind, die sich selbst schreiben, sondern Artefakte, die einer Intention (oder Intentionen) unterliegen, wie seine Figuren handeln. Ein bestimmtes Motiv, das seinerseits Handlungsoptionen definiert, engt ein. Das ist technisch ärgerlich.

Und selbst da, wo man versucht, das Narrativ „Kriminalroman/Detektivroman“ in größere geistes- und kulturgeschichtliche Kontexte einzubetten, hat „das Motiv“ schlechte Karten:

In seinem berühmten Aufsatz: „Spurensicherung“ beschäftigt sich Carlo Ginzburg mit einem epistemologischen Paradigma, das bei Giovanni Morelli, Sigmund Freud und Sherlock Holmes gleichermaßen ausgeprägt sei, ein „Indizienparadigma“, das auf die Signifikanz des Details abhebt, die Bedeutung des „Nebensächlichen“ – die er als „semiotisches Paradigma“ bezeichnet. Auch bei diesem Ansatz ist von „Motiv“ und dessen Entschlüsselung (etwa mit Hilfe der Psychoanalyse – die Ginzburg nicht im Blick hat, weil er sich strikt auf das Frühwerk Freuds bezieht) wenig bis gar nicht die Rede. Die „kleinen Erkenntnisse“, die bisher unsystematisierten und vielleicht auch unsystematisierbaren „Symptome“ dienen als Elemente der Methodik bei der Analyse eines begangen Verbrechens zum Zweck seiner Aufklärung, zur Bildung einer tragfähigen, materiellen Indizienkette. Aber nicht seiner Ursachenforschung, die auch zum Zustandekommen der „Lösung“ als nicht allzu relevant angesehen wird.

Als „Motiv“ dann irgendwo doch geronnen, liefert der Begriff dann oft die Erklärung für das Geschehen ex post nach, die im Eifer des Gefechtes von schlechten bis mittelmäßigen Autoren nachgeschossen werden muss, damit man versteht, warum Frank Wedekind seine Tante geschlachtet hat. Auch hier muss das arme Motiv dann wieder als narratives Ordnungsamt herhalten. Ach …
   

 Thomas Wörtche © 07/2014

zurück