Kein Wunder, denn das „Motiv“ steht haarscharf neben „dem Bösen“. Denn wir dürfen nicht verwechseln: Der Psycho-Soziopath hat zwar oft ein „Motiv“. Seine Motiv-Lage ist aber meistens eher akademisch, also einer bekannten klinischen Psychose nachgebaut (die diversen Handbücher von Krafft-Ebbing bis Freud geben einen wunderbaren Katalog aller devianten Dispositionen) oder aber, und das ist häufiger: unerklärlich. Und aus dem Unerklärlichen kann man alle möglichen Devianzen als hergeleitet erklären – zu früh vom Töpfchen geschubst etwa und schon nicken wir, wenn´s dann sadistisch, kannibalistisch und nekrophil wird. Und wenn schließlich das „Motiv“ nicht mehr ausreicht, dann wird die ganze unappetitliche Affäre einfach „Dem Bösen“ zugeschlagen. Und das Böse ist eine sehr eigenmächtige Kategorie. Nach einem Motiv für das Böse zu suchen, endet theologisch oder philosophisch oder anthropologisch und meistens eh ideologisch und propagandistisch. Denn gegen „das Böse“ hilft keine Motiv-Forschung. Da hilft nur ausrotten. Und damit fröhlich ausgerottet werden kann, müssen alle, alle mitmachen oder zumindest das Ausrotten nicht durch Einwände und andere Spaßbremsen behindern. Das Böse ist das Böse ist das Böse. Manchmal wäre so ein Motiv schon ganz sinnvoll. So gesehen.

Motive in Kriminalromanen haben aber auch eine Ordnungsfunktion, die manchmal unbehaglich wird. Da steckt dann das Kleinbürgerlich-Buchhalterische, das für eine ähnlich disponierte Leserschaft penibel „abgearbeitet“ werden muss, damit ein „rundum gelungener“ Kriminalroman genossen werden kann, bei dem keine Fragen offen bleiben. Motiv ist dann einfach ein Ordnungssystem, das möglicherweise kontingente Ereignisse verwaltbar macht. Nach Kafkas „Prozeß“ (jedes Motiv ist unterstellbar, auch wenn es gar kein Delikt gibt, sondern nur eine Verurteilung) ist klar, um was es geht: Um die Verwaltbarkeit, mit allen ihren Konsequenzen von Schuldzuweisung, Verurteilung, Sanktion, Foucaults „Überwachen und Strafen“ rauf und runter.

Wobei, je nach dem, ob das „Motiv“ benevolent oder maligne interpretiert wird, das „pure Motiv“ schon gar nicht mehr interessiert, sondern anderen Kategorien untergeordnet wird: Dem Mitleid, der Exkulpation, dem Verständnis, dem Sachzwang (wenn einer nicht „anders handeln konnte“), oder dem eben umgedrehten, nicht benevolenten Blick auf das Motiv, das dann in einer Reihe gegenläufiger negativer Intentionen verstanden wird: Gier, Habgier, Begehren. Dass es auch anders sein könnte, hängt nicht von dem Motiv an und für sich ab, sondern von dessen Interpretierbarkeit. Auch das „Motiv“ wird Teil der Frage nach den Machtverhältnissen, die im Kriminalroman einvernehmlich oder kritisch gestellt wird.

In der französischen Kriminalliteratur – übrigens – ist die historische Abfolge ein bisschen anders. Sogar eher umgekehrt: Eugène Sue (und seine „Geheimnisse von Paris“) mit den schlimmen Verhältnissen und dem Rott und dem Verworfenen, also dem Sozialen, ehe dem Sexuellen, wird durch Émile Gaboriaus Rätsel-Aufklärungsmuster gekontert. Die intellektuelle löst bei diesem Modell die sexuelle „Motivation“ in der Kriminalliteratur ab, wie Luc Boltanski beobachtet hat. Überhaupt steckt Boltanskis Studie „Rätsel und Komplotte. Kriminalliteratur, Paranoia, moderne Gesellschaft“ voller brillanter Einzelbeobachtungen, bei aller generellen Problematik.

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