Interessanterweise beschäftigt sich die berühmte Rede „Aristotle on Crime Fiction“, die Dorothy Sayers ein paar Jahre nach S. S. van Dines Regel-Erlass, genauer: 1935 gehalten hat, mit „Motiven“ schon überhaupt nicht mehr. Sie kommen nicht groß vor, höchstens mal ein bisschen verächtlich in der Nähe zeitgenössischer Produktionen, die mit „recht viel morbider Psychologie“ arbeiten. Das ist ein bisschen widersprüchlich, denn auch Sayers war klar, dass, wenn „Motive“ im Spiel sind, die nur mittels „Psychologie“ und sei´s morbider erzählt werden können. Auf der anderen Seite sind „Motive“ dann sinnvoll, wenn sie die Handlung zusammenhalten – denn. Laut Gewährsmann Aristoteles: „Von den unvollkommenen Mythen und Handlungen sind die episodischen die schlechtesten. Ich nenne einen episodischen Mythos einen solchen, in welchem die Abfolge der einzelnen Episoden ohne Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit erfolgt …“ Dorothy Sayers erklärt diese These halsbrecherischerweise zu einer (pejorativen) Definition des „Thrillers“. Nebenbei: alles, was sie in dieser Rede mit dem armen Aristoteles macht, ist halsbrecherisch, manchmal glücklicherweise ironisch und oft einfach voll daneben.

Von was könnten die geforderten Elemente „Wahrscheinlichkeit“ und „Notwendigkeit“ aber hergestellt werden, wenn nicht von einer gewissen „Motivierung“ der Story, also dem „Motiv“ des Schurken? Also dem Element, das ansonsten keine weitere Rolle in Dorothy Sayers Rede und ihren Reflexionen spielt. Kein Wunder, da trifft sie sich mit van Dine: „Motive“ sind Spielsteine, keine psychosozialen, geschweige denn nur soziale oder politische Größen. „Aristotle on Crime Fiction“ ist nicht nur anti-modern – darum geht es hauptsächlich in dem Text: Um den Horror vor den Zumutungen der Moderne, auf allen Ebenen, hier am Beispiel von Literatur. Aber „Aristotle on Crime Fiction“ ist auch anti-realistisch: Motive stören das Mörderspiel.

Daraus ergibt sich eine interessante Verbindung zu Patricia Highsmith, die man ja ganz instinktiv intellektuell nicht in der heraufbeschworenen Idylle der Vormoderne der Dorothy Sayers vermuten möchte. Bei Patricia Highsmith stellt sich die Frage nach dem „warum“ bzw. im engeren Sinne nach dem Motiv für ihre Bluttaten eher nicht, oder nur sehr beiläufig. Sie hat sich mit Tom Ripley zwar ein allersimpelstes Motiv-Maschinchen geschaffen – der erste Mord an Dickie Greenleaf hat ein sehr schlichtes Motiv: Gier. Fast alle darauf folgenden Morde – in allen Ripley-Romanen – sind Konsequenz-Morde daraus, nebst ein paar anderen, die Ripley unnötigerweise begeht, möglicherweise einfach, weil er Spaß an der Freud hat – aber die Ripley-Figur ist ja keinesfalls konsistent. Formula fiction und Psycho-Thriller vermischen sich da – nicht unbedingt zum ästhetischen Frommen von irgendetwas, sondern zum Unbehagen selbst größter Highsmith-Fans wie Peter Handke.

Ganz deutlich kann man dieses Desinteresse am „Motiv“ an ihren auto-poetologischen Überlegungen sehen, die sie in dem Bändchen „Suspense oder wie man einen Thriller schreibt“ ausfaltet. Ein Bändchen übrigens, das keineswegs eine „Schreibschule“ sein kann oder „Schreibtipps“ geben will, sondern der Selbstvergewisserung und der Formulierung ihres ästhetischen und intellektuellen Programms dient. „Motiv“ kommt darin nur an ein paar ganz und gar marginalen und argumentativ unerheblichen Stellen vor.

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