Aber historisch und soziologisch hat der gute Adorno natürlich recht: Jazz ist nun mal die Musik aus den Puffs und Kaschemmen, die ihren Weg in die Konzerthallen der Welt gefunden hat. Und Kriminalliteratur ist die Sorte von Narrativen, die es vom pulp auf die literary pages gebracht haben. Und auf dem Weg dahin wurde ihre schmuddelkinderhafte Herkunft ihren Liebhabern peinlich.  Denn am vorläufigen Ende ihres Weges sind beide gereinigt, glatt geschmirgelt, clean, gebadet und geschrubbt. Für die feingeistigen Minderheiten. Und ausgekernt, ausgehöhlt, smooth und flutschig fürs ganz breite Publikum. Könnte man aber für den Tango auch behaupten und für den Blues und für den Fado und für die salsa dura auch. Aufbruch, Veredelung, Spaltung in künstlerisch sinnvoll und kommerziell wünschenswert, Starrkrampf im Hochglanz-Design, aber doch noch nicht tot. Und als Kunstformen jeweils immer wieder erneuerungsfähig, auto-korrigierend. Aber auch das reicht nicht als „innerer Zusammenhang“.
    Dito nicht ökonomisch: Natürlich hat la mafia im Kultursponsoring heftige Spuren hinterlassen. Capone & seine Jungs haben ihre Lieblingsmusik finanziert und gefeatured. Wem gehörte der „Cotton Club“, der Duke Ellington die Musiker finanzieren konnte, die der brauchte, um seine Band so klingen zu lassen wie sie dann klang? Eben!  Aber vermutlich passierte das nicht aus Liebe zum Jazz, sondern weil diese Art von Musik zu diesem Zeitpunkt einfach in war. So wie uns Meyer-Lansky, Bugsy Siegel und ihre Leute ihren Soundtrack finanziert, popularisiert und distribuiert haben: Die Las-Vegas-Shows des ratpacks waren immerhin noch angejazzt. Aber mit dem Jazz der Zeit, den frühen Coltranes, Colemans, Dolphys dieser Jahre hat nun diese Art von Musik auch nichts zu tun. Nicht wirklich.
    Biographisch könnte man es auch noch probieren: Billie Holiday kriminalisiert und kriminell verstrickt bis zum Anschlag, Wardell Gray et al ermordet, mysteriös ums Leben gekommen Chet Baker und Albert Ayler – aber das ist real life, das liefert Stoff für Kriminalromane, wie wir bei Bill Moody sehen. Allerdings treffen diese Schicksale auch andere Berufsgruppen, statistisch gesehen sowieso. Und Stoffe für Romane müssen keine Hinweise auf eine Filiation zweier unterschiedlicher Zeichensysteme geben.
    Und dann ist da noch das Atmosphärische, das vielleicht noch am meisten überzeugt. Robert Altman hat es in Kansas City kapiert: Gedämpfte Trompeten, growlende Posaunen, geile Klarinetten und röhrende Tenorsaxophone. Dazu Gangster, Speakeasys, Qualm, abgestandene Drinks, viel zu schöne Frauen und einsame, harte Kerle. Aber nicht Play it again, Sam – das ist unter Jazzgesichtspunkten eher James Last als Count Basie. Blues in the night eben – aber der hörte sich schon bei Jimmie Lunceford schon verdammt nach Smoking an – und Miss Otis Regrets ist fröhlicher Zynismus pur, eher Dorothy Parker als down south.

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