Und wenn gar nichts mehr hilft, sagen wir einfach mal: Schicksal. Dieses ausgelutschte Wort für Atheisten haftet der Straße an.

Egal ob sie an einer Klippe endet, in einer Sackgasse oder sich von Norden nach Süden über tausende Kilometer schlängelt. Egal, ob sie sonnendurchflutet gleißt, ein Tornado von links, eine Atombombe von rechts sich nähert, ob Mensch und Wagen im Schnee stecken bleiben oder der Asphalt vom Erdrutsch mitgerissen wird: Die Straße hat zwei Seiten, auf der einen lungern jene, die mit sich selbst hadern, die Frank Millers Sin City entsprungen zu sein scheinen, und auf der anderen warten all jene Geschäftsleute, die einen guten Schnitt erwarten. Wer tagsüber an der Ecke herumlungert, verkauft Drogen, wissen wir seit The Wire. Wer Container aus dem Hafen Richtung Innenstadt lotst, ist als Menschenhändler unterwegs. Wer sich aus Pappkartons ein Eigenheim baut, muss psychisch gestört sein. Die Straße ist die Urkulisse des Genres. Ohne sie würden wir in unseren Häusern verfaulen. Sie sprengt unser privates Glück. Sie hält die Verbindung zu uns.

Als letzte Chance unser Leben zu retten. Dann geh doch!

Wer Cormac McCarthy auf seinem apokalyptischen Weg in The Road folgt und bemerkt, dass die eigentliche Gefahr aus den Zurückgebliebenen besteht, begleitet ihn bei einer postreligiösen Wallfahrt. Es geht also noch schlimmer. Angesichts solcher Vision klingt Easy Rider wie ein Ausflug nach Disneyland begleitet von der Musik von Richard Clyderman. Träumt schön und schlaf schön.

Dante Alighieri hat einen Kreis der Hölle in der Göttlichen Komödie vergessen. Die Straße als Fegefeuer, als Läuterung oder Verdammnis. Die Straße. Geteert, geschottert oder als Makadam. In schlechtem Zustand wie im Stau. Die Doc McCoys, die Parkers, die Wyatts, die Reachers leben hingegen ewig. Das Märchen von den paar Kratzern, mit denen man durchs Leben kommt. Hauptsache frei.

Realismus? Höchstens Truman Capotes Kaltblütig. Wo der Mord auf der Straße passiert. Suchst du die Wahrheit, such sie in Mississipi Burning auf der Straße. In Ferguson soll sie gerade wieder mal um die Ecke gesehen haben. Nirgends werden Heimlichkeiten und Lügen so offen bloßgestellt wie dort. Nirgends so hemmungslos niedergeknüppelt.

Musst du untertauchen, musst du weg, musst du auf die Straße. Gib alles auf, was dich identifizieren könnte. Am besten versuchst du dich selbst zu vergessen. Was in modernen Zeiten fast unmöglich ist, da der Hang, alles und jeden mit einer Kamera auszustatten, zur Volkssucht geworden ist.

Die Freiheit der Straße ist ein aussterbender Mythos. In Zukunft werden wir nicht mehr wegkommen. Egal, wohin es uns auch zieht.

 

                 Wolfgang Franßen © 12/2014

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