Für James, die erst im späten Alter von über 40 mit dem Krimischreiben begonnen hat, gehörte der Schauplatz ihrer Bücher von Beginn an zu dem, was sie zum Schreiben inspirierte. Schon 1983, als sie ihre ersten Erfolge auf dem amerikanischen Markt feierte, schrieb sie in einem Beitrag für die "New York Times": "Wenn ich meine Favoriten unter den Kriminalromanen wiederlese, ist es für mich immer wieder die größte Freude, sofort in eine bekannte Welt der Menschen und Schauplätze eingeführt zu werden." Wird ein Ort, ein Zimmer, eine Straße beschrieben, entsteht beim Leser die lebendige Illusion einer vermeintlichen Realität. Für jeden Schriftsteller ist es nach James' Ansicht daher wichtig, einen Sinn für den Schauplatz seines Romans zu haben. "Es ist aber besonders wichtig für den Schöpfer eines Krimis." Wird das Bizarre, das Erschreckende des Mordes in einer als real verstandenen Welt angesiedelt, "dann macht es auch den Mord glaubwürdig".

Dabei ist es zu schlicht, den Gegensatz zwischen Provinz als heimeligem Krimi auf der einen und dem Dschungel der Großstadt für den Noir auf der anderen Seite aufzubauen. Einige der besten Noirs spielen in der Provinz, unübertroffen ist nach wie vor Jim Thompsons "Zwölfhundert schwarze Seelen" oder neuerdings auch Joe R. Lansdales "Kahlschlag". Der Ort vor allem ist es, wo die Figuren handeln. Er erst haucht dem Krimi Leben ein. Verbrechen in Tokio sind eben anders als Verbrechen in Peine in der niedersächsischen Provinz – und sie lassen auch die Akteure anders handeln.

Auch P.D. James, die sich in der Tradition einer Margery Allingham und Dorothy Sayers sah, wird man nicht gerecht, wenn man sie nur als Krimiautorin wertet, die in der Tradition des klassischen Whodunnit verhaftet geblieben ist. Die Britin, die für die Konservativen im Oberhaus saß und nach dem Tod Agatha Christies als neue "Queen of Crime" gefeiert wurde, hat vor allem mit ihren späteren Krimis die engen Grenzen dieser Gattung gesprengt. Ihr Roman "A Certain Justice" (deutsch: "Was gut und böse ist") um den Mord an einer ehrgeizigen und erfolgreichen Rechtsanwältin lässt sich in seinem Realismus und seiner Ernüchterung darüber, dass unser Rechtssystem von Menschen gemacht und das Äußerste, was wir uns erhoffen dürfen, allenfalls ein bisschen Gerechtigkeit ist, fast schon als Noir lesen. James war vielleicht zu konservativ, den Schritt ganz zu wagen, aber ihre illusionslose Sicht auf die britische Gesellschaft (besser: deren Mittelschicht) hat die literarischen Konventionen des klassischen englischen Krimis überwunden. Val McDermid deutete das nach Bekanntwerden des Todes der Schriftstellerin mit den Worten an: "There was nothing cosy about Phyllis!" Und wieder ist es der Schauplatz gewesen, der James dazu inspiriert hat, mit alten Konventionen zu brechen: "Ich mag es, in Büchern eine Art von Opposition, von Widerspruch zwischen den Schauplätzen und den Charakteren zu schaffen."

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