Sein Schreibstil ist genauso originell wie seine Figuren: Denn die Abenteuer von Dr. Siri sind vor allem sprachlich ein fast diabolisches Vergnügen, gespickt mit Sarkasmus und hintergründigem bis derbem Wortwitz. In den Dialogen fliegen die Pointen und ganz nebenbei bekommt man einen lebendigen Eindruck von den Laoten und ihrem hinreißenden Sinn für Selbstironie.  Ein starker Fokus bildet die Verwurzelung in alten Traditionen wie der Geisterverehrung und der Volksmagie: Es gibt Puppenspieler, Zauberei, magische Holzpuppen. Bei Dr. Siri selbst soll es sich um die Reinkarnation eines Schamanen namens Yeh Ming handeln. Allerdings wird der Zauberpriester nur noch in einem kleinen Dorf irgendwo im Nirgendwo erinnert und verehrt. Den Input der Toten, die den unfreiwilligen Leichenbeschauer aufsuchen und begleiten, kann er nichtsdestotrotz gut gebrauchen.

Mit Kritik an den politischen Gegebenheiten nach Ende des Vietnamkriegs wird ebenfalls nicht gespart. Dr. Siri hat einen scharfen Verstand und eine spitze Zunge. Vielleicht mit ein Grund, warum Cotterills Bücher bisher nicht ins Laotische übersetzt worden sind. Ein fähiger Übersetzer könnte das sicher bewerkstelligen. Ob sie sich an der Zensurbehörde vorbeischmuggeln ließen, steht auf einem anderen Blatt.

Mit Logan McRae in der Alltagsrealität der schottischen Polizei

Angesichts dieses ungewöhnlichen Settings erscheint die temporeiche Logan-McRae-Reihe des schottischen Autors Stuart MacBride fast ernüchternd mainstreamig: vergewaltigte und entstellte Frauen, ein Undercover-Einsatz mit zweifelhaftem Erfolg, ein Achtjähriger, der erst eine schwangere Frau überfällt und dann vor laufender Überwachungskamera einen Rentner ersticht, Einbrüche, Mobbing – eben der ganz gewöhnliche Alltagswahnsinn auf dem Polizeirevier … Atemlos und hektisch geht es zu. Die Fälle ereignen sich nicht chronologisch; sie überlappen sich und mischen sich genau wie die Erzählstimmen. Hart, realistisch, brutal, zuweilen auch überzeichnet, was die Figuren um Detective Sergeant McRae herum anbelangt.

Zum Nachdenken lässt Stuart MacBride den Lesenden kaum Zeit. Er geht weit und weiter, strapaziert Grenzen bis ins Groteske. Will man wirklich zurück in diese Welt?

Es muss gehandelt werden. Schnell, effizient, am besten gestern – und man wird unweigerlich mitgerissen in diesen Strudel. Und dennoch … Wenn sich Police Constable Jackie Watson in „Der erste Tropfen Blut“ einem Serienvergewaltiger an die Fersen heftet, der seine Opfer verstört und grausam verunstaltet zurücklässt, und Logan McRae im Zuge der Ermittlungen in die Porno- uns BDSM-Szene eintaucht, vermisst man sie, die augenzwinkernde Erzählweise und ruhige Gangart von „Dr. Siri sieht Gespenster“.   

Im Vergleich zu dem selbstbewussten, souveränen Pathologen, der sich stets treu bleibt und auch von Vorgesetzten nicht die Butter vom Brot nehmen lässt, wirkt Logan McRae fast verloren auf dem Polizeirevier: Seiner Chefin Detective Inspector Roberta Steel gegenüber kann er sich ebenso wenig durchsetzen wie Detective Inspector Insch. Ihm fehlt es schlicht an Rückgrat.

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