Wir folgen ihr also in Welten, die auf den ersten Blick so gar nichts mehr mit dem Nahen Osten und seinen politischen Spannungen zu tun haben wollen. Michael Oyahin ermittelt in aller Ruhe und fast altmodisch, indem er tief in den Biografien der Opfer und denen der mutmaßlichen Täter gräbt und klassisch menschliche Motive wie Neid, Eifersucht und enttäuschte Erwartungen ans helle Licht des Mittelmeeres zerrt. Ein Mord in „Am Anfang war das Wort“ geschieht aus letztlich abstrakt-geisteswissenschaftlichen Motiven. Es wird getötet, um die Schönheit und die Wahrhaftigkeit der Lyrik zu bewahren. Und ermittelt wird in großbürgerlichen und aschkenasischen Familien, die ihre Kinder zu klassischer Hausmusik erziehen, während in der Küche gefilte Fisch zubereitet werden. Alleine schon über eines der Opfer – Professor Scha'ul Tirosch – heißt es, dass er genauso gut ein Leben in den Literatursalons von Paris hätte führen können und einzig deshalb in Israel lebe, weil er in diesem kleinen Land schneller eine herausragende Rolle habe spielen können als in einer westeuropäischen Großstadt. Gleichwohl kann man ihn sich – mit silberner Mähne und rotem Schal – auch am Ufer der Seine vorstellen.

Das alles scheint weit weg zu sein, von einem mitunter ritualisiert wirkenden Austausch von Kassam-Raketen und Artilleriegeschossen und von einem Konflikt, der selbst, wenn er immer wieder auf abstrakt-religiöse Motive verkürzt wird, doch in Wahrheit ein sehr irdisch-politischer ist. Und in der Tat ist bei Batya Gur streckenweise kaum noch zu bemerken, dass man sich in Israel aufhält. Wären nicht die Hinweise auf das notorisch schwül-heiße Wetter und ein aus dem großstädtischen Rahmen fallender Tauchausflug an das rote Meer, die ganze Geschichte um zwei getötete Dozenten an der Universität von Jerusalem wäre ohne Weiteres auch an die Ostküste der USA oder nach England versetzbar. Was bleibt, sind die Bezüge an die reiche, jüdische Kultur, ihre über die ganze Welt – freiwillig und unfreiwillig – verstreute Diaspora und die hohe Kunst, Texte auszulegen und sich kreativ mit biblischen Motiven auseinanderzusetzen. Aber das, so viel sei vermutet, ist nichts spezifisch Israelisch-Jüdisches, sondern eher eine intellektuelle Errungenschaft, die sich auch in anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen und in der klassischen Theologie christlicher Prägung findet.

Sterben Israelis also anders? Kein Stück. Am Tod im heiligen Land ist nichts Besonderes, und schon gar nichts Heiliges. Es ist einfach nur der Tod, der sich seine Opfer sucht. Alle Bilder und Vorurteile, mit denen wir beim Lesen der Geschichte konfrontiert werden, stammen nur von uns selbst oder von den politischen Nachrichten und der eigenen Geschichte, die wir damit verbinden. Selbst das ungute Gefühl in unserer Magengegend, welches uns beschleicht, wenn man von uns wissen will, ob Israelis anders morden.

 

Jörg Walendy © 11/2014

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