Der Weg in die Hölle

Scotts und Eves Liebe besteht wie bei den meisten großen Liebespaaren in der Literatur aus der Perspektivlosigkeit ihrer Verbindung. Deshalb klammern sie sich an den Moment. Doc McCoy und seine Frau Carol kämpfen hingegen in Jim Thompsons „Getaway“ gerade um diese gemeinsame Zukunft, die Scott und Eve nicht haben. Von Anfang an ist Doc überzeugt, dass er seine Frau verlieren wird, sollte er noch einmal ins Gefängnis gehen müssen. Deshalb geht es bei dem Banküberfall nicht nur um das Geld, sondern auch um das gemeinsame Leben mit seiner Frau.

Doc und Carol erscheinen reifer in ihrer Liebe als Scott und Eve, aber auch ihre Vergangenheit enthält alle Zutaten der Verbrecherromantik: Als Doc seine 14 Jahre jüngere Frau kennenlernte, war sie eine unscheinbare Bibliothekarin. Er erkannte nicht nur die Kurven, die sich unter der Kleidung verbargen, sondern auch ihre Vorliebe für Gefahr. Tatsächlich reizte Carol die Ungewissheit dieses Lebensstils und die souveräne Verwegenheit ihres Mannes. Er versprach Abenteuer, Freiheit und Nervenkitzel, sie Zuneigung und eine Art Zuhause. Nun wollen sie sich ein gemeinsames Leben aufbauen und dafür brauchen sie Geld. Also überfällt Doc eine Bank, tötet einen gefährlichen Komplizen und schon befindet er sich mit Carol auf einer Flucht, auf der fast alles schief geht. Hier bemerken sie, dass sie sich während ihrer Trennung falsche Vorstellungen von ihrer Ehe und voneinander gemacht haben. Doc erkennt, dass er seiner Frau nicht völlig vertraut, will sich die Wahrheit anfangs nicht eingestehen. Carol grübelt, „wie es möglich war, daß sie einerseits so viel Angst vor ihm hatte und ihm nicht traute, ihn aber andererseits mehr liebte als irgend jemand anderen auf der Welt.“ Anfangs zerstreuen sie diese Zweifel durch Berührungen und Küsse, je länger die Flucht jedoch dauert, desto mehr müssen sie einsehen, dass mangelnde Vertrautheit nicht ihr Problem ist: „Miteinander vertraut werden? Oh nein, das brauchten sie nicht. Ihr Problem war vielmehr, daß sie sich allzu gut kannten.“ Deshalb sind sie selbst die größte Bedrohung für ihre Ehe.

Docs und Carols Flucht erinnert daher anfangs an die romantisierte Version von Bonnies und Clydes Weg,  jedoch werden sie immer skrupelloser und vor allem Carol ihrem Mann zusehends ähnlicher. Dachte sie zu Beginn ihrer Beziehung, sie könnte ihn verändern, muss sie nun eingestehen, dass sie sich allzu bereitwillig auf die amoralische Freiheit von Docs Welt eingelassen hat und nun selbst nicht mehr zurück in das bürgerliche Dasein möchte. Sie sieht ein, dass sie nicht die unschuldige Frau an der Seite eines Gangsters ist, sondern ebenso hart, gewissenlos und eigensüchtig geworden ist. Also nimmt sie die Toten auf ihrer Flucht in Kauf, um sich selbst zu retten. Doch Doc und Carol morden zu viel. Dadurch gewinnt auf Seiten des Lesers die Abscheu überhand – auch der Erzähler lässt keine Zweifel daran, was er von ihren Taten hält – und so bekommt dieses Liebespaar das Ende, das es verdient: ein Leben in einem vermeintlichen Paradies, das der Hölle auf Erden ziemlich nahe kommt.

Die Liebe führt bei Cornell Woolrich und Jim Thompson in den Tod oder das Verderben. Dabei mündet die vermeintlich romantische Aussichtslosigkeit dieser Lieben in einem  verzweifelten Aufbegehren, dessen Vergänglichkeit bei Cornell Woolrich am Anfang steht und bei Thompson in der Hölle endet. Bei ihm gibt es für Anständigkeit keinen Platz mehr, während bei Cornell Woolrich noch ein wenig Hoffnung besteht, dass einmal geliebt zu haben für das Bewahren eines Restanstandes ausreicht.

 

Sonja Hartl © 10/2014

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