Tom Jericho, der junge Held des Romans, ist der klügste Kopf einer Gruppe von Eggheads, die versuchen, den deutschen U-Boot-Code im Zweiten Weltkrieg zu knacken. Gleichzeitig verliebt er sich in die schöne Claire Romilly. Sie ist ein Diplomatenkind, ausgesprochen attraktiv und gleichsam umhüllt von einer betörenden Aura der Unabhängigkeit. Allerdings gibt sie ihm schnell den Laufpass und verschwindet auf mysteriöse Weise. Tom spioniert ihr hinterher, ist mit ihr emotional noch nicht fertig, fragt die ewige Frage des verschmähten Liebhabers: Warum? Warum nur? – und findet beim Rumschnüffeln in Claires Zimmer Beweise dafür, dass sie streng geheime Kryptogramme entwendet hat. Der Thriller nimmt seinen Lauf.

Das Bemerkenswerte des Romans ist die Verschränkung der Liebesgeschichte sowie Jerichos persönliche Entwicklung mit der Thriller-Handlung und der Aufklärung des Verschwindens von Claire. Je klarer die Erkenntnis in ihm reift, dass seine Angebetete ihn vielleicht nie geliebt, aber achten gelernt hat, desto besser kann er die Puzzlesteine des Spionage- und Mordfalls finden und zusammenfügen. Tom Jericho erkennt, dass die Liebesgeschichte fingiert war, er Opfer einer honey-trap, einer Falle war, weil man ihn des Geheimnisverrats verdächtigte.

Als Leser ertappt man sich dabei, dass einen die persönliche Entwicklung, die persönliche Geschichte des Tom Jericho phasenweise mehr interessiert als das perfekt ausgebreitete historische Weltkriegs- und Spionageszenario oder der mysteriöse Kriminalfall um Claire Romillys Verschwinden und ihre vom MI5 insinuierte Ermordung.

"Er erinnerte sich an ihre letzte gemeinsame Nacht. Wie er neben ihr gelegen hatte, als sie weinte. Was war das gewesen? Reue? Falls ja, dann hatte sie vielleicht doch etwas für ihn empfunden."

Die Liebe: Rettungsanker, Treibstoff – Anstifter?

Gute Krimis, egal ob Hardboiled & Polar, klassische Whodunits oder Spionage-Thriller wie Enigma oder Smiley's People sind verdammt oft Liebesgeschichten. Oder Geschichten über das, was mit ihr zusammenhängt: Enttäuschung und Verrat. Liebe übermannt einen oftmals so plötzlich und mit einer irrationalen Urgewalt wie das Böse: also wie ein Verbrechen. Sie ist etwas sehr Ursprüngliches, Animalisches, Existentielles – wie ein Verbrechen. Liebe ist das andere Ende der Fahnenstange, die Rückseite der Medaille. Sie ist Schmiermittel, Auslöser, Treibstoff, Rettungsanker. Und noch so einiges andere.

"'Es muss herrlich sein, Schriftsteller zu sein!'
Er hatte sie angesehen und sich Hals über Kopf in sie verliebt."

Der junge New Yorker Schriftsteller Marcus Goldman hat Schreibhemmung. Der Ruhm seines Erstlings macht ihm zu schaffen. Er fährt zu seinem alten Professor, einem berühmten Schriftsteller, ins romantische Neuengland und bittet ihn um Hilfe. Dann wird in dessen Garten eine Mädchenleiche gefunden. Es ist die Leiche der 15-jährigen Nola, zu der sein Professor vor über 30 Jahren eine verbotene, aber umso leidenschaftlichere Beziehung hatte. Hitchcock meets Nabokov. Mehr noch: Das Buch, lapidar und in erkennbar amerikanischer Erzähltradition geschrieben, ist gleichzeitig Krimi, (mehrfache) Liebesgeschichte, Entwicklungsroman, Gesellschaftsdrama und Literatursatire. Vor zwei Jahrzehnten hätte man gesagt: postmodern.

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