Im Zuge der Ermittlungen stößt er jedoch auf die junge Malerin Rebecca – und es knistert sofort zwischen ihnen.  Vier der fünf Ermordeten in Caffreys aktuellem Fall waren Prostituierte. Man findet sie in einem Brachgebiet nahe der Themse, grell geschminkt, die Brust aufgeschnitten, vergewaltigt.  Rebecca, die sich die Kunstakademie als Stripperin finanziert hat, malt inzwischen die Mädchen, die sich im „Dog and Bell“ anbieten. Damit ist sie eine wertvolle Zeugin. Sie ist ein ganz anderer Typ als Veronica: kultiviert, interessiert, alles andere als oberflächlich.  Aber sie bedeutet auch ein großes Risiko.

Gefühle werden zur Achillesferse, schalten den Verstand aus, lassen handeln, ohne nachzudenken. Oft genug sind sie der Hebel, den der Kontrahent sprichwörtlich umlegt, um an den Ermittler heranzukommen. Wer sich auf eine Beziehung mit einem Ermittler einlässt, akzeptiert notgedrungen die Lebensgefahr mit.

Gesetzeswille versus Kindeswohl

Mitunter entstehen Liebesbeziehungen zwischen Kollegen. Das macht vieles leichter. Man versteht Arbeitspensum, Stress und emotionale Belastungen. Der gegenseitige Halt ist größer. Aber unter Umständen enthüllt ein Fall auch Dinge über den Partner, die man lieber im Verborgenen belassen hätte – oder die ihn in ein vollkommen neues Licht rücken.

Dennis Lehanes Bostoner Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro teilen nicht nur das Bett, sondern auch die Branche. Nach einigen eher belanglosen Aufträgen stellt ein emotional besonders nahegehender Fall nicht nur Recht und Gesetz in Frage, sondern auch ihr persönliches Gerechtigkeitsempfinden. Ihre Ermittlungen im White-Trash-Milieu sind nicht minder starker Tobak als der Fall des Vogelmannes und werden schließlich zur Zerreißprobe für ihre Beziehung: Ein vierjähriges Mädchen wird aus dem Bett heraus entführt und verschwindet. Die Mutter – alkoholabhängig, drogensüchtig und gleichgültig – hat die Tür nicht abgeschlossen, als sie das Haus verließ. Leichtes Spiel für Eindringlinge. Fieberhaft sucht ein ganzes Heer von Polizisten nach der kleinen Amanda. Vergeblich. Die Ermittlungen ziehen sich hin. Derweil konzentrieren sich die Medien auf die mangelnde Erziehungseignung der Mutter, die direkt aus einer nachmittäglichen Talkshow entsprungen sein könnte. Es sind der Onkel des Kindes und besonders seine Frau, die schließlich Kenzie und Gennaro engagieren.

Das Kind lebt. Am Ende muss eine Entscheidung gefällt werden: Recht und Gesetz auf der einen, mutmaßliches Kindeswohl auf der anderen Seite. Soll Amanda tatsächlich, so wie es das Gesetz verlangt, zu ihrer leiblichen Mutter zurückkehren? Vernachlässigt, ohne Chancen? Immerhin handelt es sich um eine Frau, die den Sonnenbrand ihres Kindes mit Bier übergießt und dann die Lautstärke des Fernsehers hochdreht, um die Schreie nicht hören zu müssen. Wäre es nicht besser aufgehoben bei den beiden Pflegeeltern, die zwar rechtmäßig keinen Anspruch auf Amanda haben, sie aber aufrichtig lieben?

Es ist ein moralisches Dilemma, das auch die Beziehung von Angie Gennaro und Patrick Kenzie auseinanderzureißen droht: Sie sieht, dass Amanda bei ihrer leiblichen Mutter Schritt für Schritt zerstört werden wird. Dabei könnte sie in einer Familie aufwachsen, die sie wirklich liebt. Das Mädchen könnte ein Leben führen, das ihr zumindest bessere Grundvoraussetzungen bietet. Vorausgesetzt, es verschwindet von der Bildfläche. Kenzie dagegen verweist auf das Gesetz. Er ist eben kein Raymond Chandler, der stets seinem eigenen moralischen Kompass folgt. Zumindest nicht immer. Angies Flehen kann ihn nicht erweichen. Am Ende kehrt Amanda zurück in ihr trostloses Heim. Geändert hat sich dort nichts.

„Was hatten wir jetzt getan?“, fragt sich Kenzie mit dem beklemmenden Gefühl, das Gesetz befolgt und eben doch das Falsche getan zu haben. Richtig oder falsch? Die Antwort überlässt Dennis Lehane am Ende den Lesenden selbst.

 

Michaela Hövermann © 10/2014

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