Ähnliches geschieht in Hitchcocks „Rear Window“: Der Fotograf L.B. Jeffries (James Stewart) sitzt seit fünf Wochen wegen eines Gipsverbandes im Rollstuhl und beobachtet vornehmlich seine Nachbarn in den durch einen Innenhof verbundenen Wohnungen. Inmitten einer schwülen Nacht wacht er von den Geräuschen eines Wolkenbruchs auf und sieht, wie der Nachbar von gegenüber – später ist zu erfahren, dass er Thorwald heißt – mit einem Koffer seine Wohnung verlässt. Jeffries nimmt es zur Kenntnis, stutzig wird er indes, als Thorwald zurückkommt, nur um seine Wohnung einige Minuten später abermals mit einem Koffer zu verlassen. Dieser Vorgang wird sich mehrfach wiederholen – und indem der Zuschauer auf Jeffries Perspektive beschränkt ist, wird er mit ihm misstrauisch. Warum handelt Thorwald so? Was steckt in den Koffern? Jeffries fällt wieder in den Schlaf, deshalb sieht lediglich der Zuschauer, wie Thorwald einige Zeit später ein letztes Mal seine Wohnung verlässt – dieses Mal begleitet von einer Frau. Damit entsteht zusätzlich zur Neugier auch Zweifel auf Seiten des Zuschauers: Wenn Thorwald seine Ehefrau ermordet hat, mit wem hat er dann die Wohnung verlassen?

Lena und Jeffries können sich beide nicht sicher sein, was sie gesehen haben. Deshalb beginnen sie mit vorsichtigen Nachforschungen. Während Jeffries durch den Beinbruch in seiner Beweglichkeit eingeschränkt ist und deshalb anfangs nur auf seine Beobachtung zurückgreifen kann, halten Lena Selbstzweifel und Unsicherheiten von den Nachforschungen ab. Sie ist gerade erst von Salzburg nach Wien zur Zwischenmiete bei einer Freundin eingezogen, ist ebenso ziel- wie orientierungslos und schlägt sich mit Katzensitterjobs sowie einer Aushilfsstelle in einem Geschenkartikelladen durch. Im Gegensatz zum rastlosen Jeffries, dessen Job als Fotoreporter eine gewisse Unbeständigkeit mit sich bringt, sucht und fürchtet Lena sie gleichermaßen. Sie will sich nicht festlegen, sucht aber Beständigkeit, sie hat keine Bindungen, fürchtet aber die Anonymität. Unbekanntes reizt sie, zugleich verunsichert sie die Unvorhersehbarkeit. Deshalb nagen die Zweifel an dem Gesehen an ihr weit mehr als an dem Leser – denn im Gegensatz zu „Rear Window“, in dem der Zuschauer fast ausschließlich von Jeffries‘ Standpunkt aus das Geschehen beobachtet, ist man bei „Lichtschacht“ nicht auf eine Perspektive angewiesen, sondern die Abschnitte wechseln zwischen Lena und dem Täter.

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