Anti-Suspense? Nein: Ein Held mit Haltung – und Vergangenheit

Ein Buch wie Call for the Dead, das mit einer doppelten Niederlage der Hauptfigur anfängt: mehr Anti-Klimax geht kaum. Doch Anti-Suspense ist es nicht. Denn John le Carré wirft seine Angel schon bei diesem ersten Buch recht professionell aus. Die Hürden für seine potentiellen Leser sind weniger hoch, als sie auf den ersten Blick scheinen. Da wäre zum einen der Umstand, dass er seinen Helden so einführt, dass man schnell viel Empathie entwickelt, ohne Gefahr zu laufen, Smiley bemitleiden zu müssen. Ein Mann aus der Mittelschicht, gut gebildet, der dabei auf die Nase fällt, eine Frau zu heiraten, die sozial und finanziell über ihm steht, auch wenn sie die Sekretärin seines Chefs ist. Ein Mann, der eine Geschichte hat, der viel und Spannendes erlebt haben muss. Ein Mann, der in einer Art Midlife-Krise steckt und gerade erlebt, wie die Spitze seiner Firma – und das ist immerhin der britische Geheimdienst – von langweilen Berufsbeamten und schleimigen Karrieristen übernommen wird. Und, zum anderen, das Ende des kurzen ersten Kapitels: ein eleganter, aber klassischer Cliffhanger. Der scheinbare Langweiler Smiley sitzt um zwei Uhr nachts im Taxi, weil er in die Zentrale des MI6 gerufen wird. Irgendetwas Außergewöhnliches ist passsiert. Und man ahnt: Dieser Smiley wird gerade in eine Sache hinein­gezogen, die interessant sein könnte. Voller Verstrickung, voller Ambivalenz, voller Vergan­genheit.

Ein Held wider Willen also. Aber mit Haltung. Das ist wichtig: Einer, der die Zumutungen der Gegenwart mit bewun­dernswertem Stoizismus aushält. Kurzum: Er ist die ideale Identifikations­figur für uns, die Angestellten im höheren Dienst von Verwaltungen aller Art, uns Angestellte im mittleren Management großer Firma, uns Lehrer im Lehrerzimmer des städtischen Gymnasiums. Uns Abiturienten im Prüfungsstress des Lebens. Smiley ist derjenige, der uns die Abgründe unserer Gesellschaft erkennen lässt. Er seilt sich nicht von Hochhäusern im Kugelhagel der Bösen ab und riskiert keine Millionen im Spielcasino. Smiley ist irgendwie einer von uns Normalos, die wir selbst schon diese oder jene Niederlage in der Banalität des Alltags erlitten haben, im Job, in der Ehe, der Lebensplanung. Und trotzdem biedert sich diese Figur seinen Lesern nicht an, im Gegenteil: Smiley ist verschlossen und schlau, abgeklärt und sarkastisch. Und er ist verdammt cool und war es schon, bevor dieses Wort überhaupt in Mode kam. Deshalb ist er auch ein Held.

"'Smiley, Sie können natürlich auf mich zählen, das wissen Sie ja. Sie können mit meiner Unterstützung rechnen.' Mein Gott, dachte Smiley, der arbeitet wirklich Tag und Nacht. Wie ein Kabarett, das vierundzwanzig Stunden spielt."

Manche Solidaritätsadressen von Vorgesetzten sind eben anders zu verstehen, als sie klingen. Smileys Sarkasmus ist mit einem Schuss Belustigung gewürzt und kommt daher wie ein guter Gin & Tonic: prickelnd, belebend und ein wenig bitter. Unsereiner hätte sich einfach nur über die ölige Falschheit des Chefs geärgert.

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