Gesagtes und Ungesagtes

Suspense – Spannung aufgrund von drohender oder real existierender Gewalt – entsteht bei Child vor allem dadurch, dass er Fragen aufwirft, die Antworten aber geschickt schuldig bleibt, während sein unbeugsamer Held in der amerikanischen Provinz Hilflosen und Unterdrückten beisteht. Vieles passiert dabei in Reachers Kopf: Er analysiert, beobachtet, schätzt Situationen ein. Er zeigt nicht nur, er erzählt. Genau das – sein subjektiver Blick – hält die Lesenden bei der Stange. Lee Child beschreibt und erzählt Reachers Geschichte. Genau damit stellt er ein Stück weit die „alte“ Regel „show, don’t tell“ auf den Kopf.  Details zur Vergangenheit seines Helden setzt er hingegen zunächst sparsam ein.

Das Erzeugen von Suspense vergleicht Lee Child mit dem Backen eines Kuchens: Wichtiger noch als die erlesenen „Zutaten“ sei der am Anfang stehende Hunger, der nie gestillt werden dürfe. Bis zum Schluss. So beginnt etwa „Größenwahn“ damit, dass Reacher in einem Diner verhaftet wird. Er weiß sofort, dass die Polizei es auf ihn abgesehen hat. Aber warum? Fasziniert bleibt man dran, liest sich fest in den Sätzen, die Schlag auf Schlag folgen. 

Geschickt mischen sich Aspekte des britischen Suspense-Thrillers mit Elementen des amerikanischen Hardboiled-Kriminalromans: Reacher, der charismatische Einzelgänger, ist in sich gekehrter „weißer Ritter“ und schlagfreudiger „Lonesome Cowboy“ zugleich, kennt sich aus mit Waffen und ihren Spezifikationen und wenn ihn etwas wirklich nervös macht, dann sicher nicht die zahlenmäßige Überlegenheit seiner Gegner, sondern allenfalls der mangelnde Nachschub an Kaffee.

Das „Strickmuster“ der erfolgreichen Romane ist immer dasselbe: Reacher, der mysteriöse Fremde, befindet sich auf der Durchreise durch ein unbedeutendes Kaff in der amerikanischen Provinz, wird wider Willen verwickelt in kriminelle Machenschaften und entschließt sich, einzugreifen. Am Ende setzt er seine unterbrochene Reise fort. Allein, ohne Gepäck, erneut unterwegs, um Schwachen und Unterdrückten zu helfen, reitet er – metaphorisch gesprochen – in den Sonnenuntergang.

Ein von Terror und Unruhe gezeichnetes Land

Der inzwischen in Australien lebende irische Autor Adrian McKinty schlägt einen vollkommen anderen Weg ein: Einfache Schwarz-Weiß-Schemata gibt es bei ihm nicht. In seiner anspruchsvollen Thriller-Trilogie rund um Sean Duffy rollt er die irische Vergangenheit auf, während er den katholischen Bullen Anfang der 1980er-Jahre im nordirländischen Carrickfergus und Belfast ermitteln lässt.

Statt gradlinig wie bei Child sind seine Plots verzweigt: McKinty streut immer wieder kleine Geschichten ein, die die Haupthandlung begleiten. Er erweist sich als scharfer Beobachter. Die Ereignisse schildert er so bildhaft, dass beim Lesen vor dem inneren Auge automatisch ein Film entsteht. Man sieht die Suchscheinwerfer der Hubschrauber, hört die Schreie und fühlt den öligen Regen von Belfast auf der Haut, während man neben Sean Duffy auf Knockagh Mountain steht, als Polizei und Randalierer in einer Straßenschlacht aufeinandertreffen … McKinty nimmt sich Zeit für die Beobachtung von Land und Leuten.

zurück weiterlesen