Womit Depken indirekt auch auf eine zweite Schwachstelle der klassischen Kriminalerzählung hinweist. Die Ordnung, die durch den Mord gestört ist, wird durch den Detektiv am Ende immer wieder hergestellt. Gerade die britischen Krimis, die in dieser Tradition stehen, gelten deswegen oft konservativ, bisweilen sogar reaktionär. Die Realität, die Ordnung wird durch das Verbrechen infrage gestellt. Jeder kann es gewesen sein. Niemand ist vor Verdächtigungen sicher. Diese, so sagt es Boltanski, Banalisierung der Realität bildet die Grundlage für die krisenhafte Zuspitzung. Der Mord, dessen Zuschreibung Probleme bereitet, zeigt, wie ungewiss und wenig belastbar die Realität doch ist. Deswegen muss sie zur Bewahrung der bürgerlichen Ordnung und zur Beruhigung des Lesers am Ende wieder hergestellt werden.

Heute wirkt das extrem hausbacken. Und tatsächlich hat sich mit dem Aufkommen von Demokratie und dem Siegeszug einer immer stärker am Markt ausgerichteten Wirtschaftsordnung ein ganz neuer Widerspruch aufgetan. Spätestens seit der internationalen Finanzkrise ahnt jeder, dass der Staat sein Gleichheits- und Rechtsversprechen nicht halten kann, das er lediglich eine fiktive Realität vorgaukelt. Im modernen Krimi – an dessen Anfang Autoren wie Dashiell Hammett oder Raymond Chandler stehen – bringt die  Enthüllung genau dieses Spannungsverhältnisses an den Tag. Und anders als in der klassischen Detektiverzählung stellt sich die Ordnung am Ende nicht wieder her. Oft sind es gerade die vermeintlichen Garanten der Ordnung, die diese korrupt untergraben. Oder die Ordnung selbst ist im Kern korrupt.

Hier liegt nach Boltanski auch das Erfolgsrezept des Kriminalromans von den Zeiten, in denen Depken ihn als einer der Ersten wissenschaftlich analysierte, bis heute.

"Einerseits hat sich die Realität zweifellos niemals so organisiert, robust und dadurch so vorhersehbar dargestellt wie in den modernen westlichen Gesellschaften. Aber andererseits, und zwar vielleicht aus denselben Gründen, tritt die Fragilität oder das, was man dafür hält, in den Vordergrund und scheint eine noch nie dagewesene Verunsicherung hervorzurufen. Ich denke, dass der Kriminalroman diese Verunsicherung inszeniert und dass der Hauptgrund für seinen Erfolg darin zu suchen ist, wie kunstvoll er diese Verunsicherung in Bezug auf die Realität der Realität zum Ausdruck bringt."

Und da sind wir wieder bei Depken, Doyle und Holmes. Ganz ohne Spannung, ganz ohne die Spannungstechniken, die mit der Kriminalerzählung gekommen sind, geht  es auch im modernen Krimi nicht, mag er noch so ästhetisch ambitioniert sein. Was passiert als nächstes? Spannung wird nur aufrechterhalten, wenn der Autor die Antwort auf diese Frage herauszögert. Das hat übrigens ein anderer Begründer des Krimis schon geschrieben, Gilbert Keith Chesterton, der Vater des "Pater Brown".  Erst die moderne, kapitalistische Gesellschaft sei auf die Idee gekommen, der moralische Mensch dürfe nicht mehr melodramatisch sein, beklagte er. Für die alten Griechen gehörten Wahnsinn und Totschlag zum Drama. Im Mittelalter ging es nicht ohne Drachen, Teufelstanz und Höllenschlund. Und heute? Chesterton glaubt, dass jegliche Literatur, die unser Leben als gefährlich und erschreckend darstellt, wahrhaftiger sei als alle Literatur, die es als zweifelhaft und schwächlich zeigt. Seine Erklärung dafür ist einfach:

"Denn das Leben ist ein Kampf und keine Konversation."

Wie stark auch der moderne Polar auf dem Fundament aufbaut, das Conan Doyle einst legte, zeigt sich an einem einfachen Beispiel. Charles Adair, der Herausgeber der gefeierten amerikanischen "Hard case crime"-Krimis, in der sich die Stars des Noir die Hand geben, hat eine der vier längeren Erzählungen über Sherlock Holmes, "Das Tal der Angst", als 63. Band in seine Reihe als Hard Case aufgenommen. Sherlock Holmes ist biederer, konservativer und hausbackener – aber mancher der modernen Krimiautoren, die heute die Nase rümpfen, sollten sich ruhig mal daran erinnern, dass in diesen Spannungsgeschichten die Wurzeln für ihre eigenen Geschichten liegen.

 

Carsten Germis©08/2014

zurück weiterlesen