Der deutsche Anglistik Friedrich Depken hat das in seiner Dissertation über "Sherlock Holmes, Raffles und ihre Vorbilder" schon 1914 klar herausgearbeitet. Seine Studie ist eine der ersten wissenschaftlichen Studien über das Genre überhaupt. "Die Spannung", schreibt Depken, ist der erste und wichtigste Punkt, wenn es um die "Technik der Detektivnovellen" geht, die zum Erfolg dieser Literaturgattung geführt hat.

"Um auf den Leser zu wirken, bedarf jede Erzählung der Spannung. Ohne sie tritt Ermüdung und Langeweile ein, weil das Interesse des Lesers nicht geweckt wird."

Erzählungen voller wechselnder und abenteuerlicher Handlungen wenden sich bekanntermaßen eher an den Verstand. Schilderungen von Landschaft und Seelenstimmungen eher an das Gefühl. Geheimnis und Intrige, Geheimnis und Überraschung, ungeahnte Hindernisse, Täuschungen und Missverständnisse – Depken analysiert anhand der Sherlock-Holmes-Geschichten genau, wie die klassische (britische) Kriminalerzählung Spannung aufbaut. Und der gelehrte Anglist spricht bereits die Schwachpunkte an, die dieser Art von Krimis später vorgeworfen worden sind:

"Da in den Kriminalnovellen die Hauptsache das Abenteuer, die interessante Begebenheit ist, so bleibt für eine eingehende Charakterisierung nicht Zeit und Raum übrig."

Wenn heute viele Literaturkritiker beklagen, dass es noch niemals so viele Krimis in den Buchhandlungen gegeben habe wie heute, dann ist auch diese Klage nicht neu. Schon Depken, der dem Kriminalroman übrigens keine große Zukunft geben wollte, stellt für seine Zeit mit einem gewissen Erstaunen fest:

"Niemals hat die Kriminalliteratur einen solchen Umfang angenommen als gegen Ende des 19. Jahrhunderts." 

So musste Conan Doyle, der seines Helden überdrüssig geworden war und ihn an den Schweizer Reichenbach-Fällen sterben ließ, Sherlock Holmes mit "Die Rückkehr des Sherlock Holmes" unter dem Druck der Leser, die nach neuen Geschichten gierten, wieder auferstehen lassen. Doyle selbst wollte lieber "bessere Literatur" schreiben. Die Leser wollten Sherlock Holmes. In unseren Tagen wiederholt sich das gerade mit Ian Rankins Inspektor Rebus. Auch Rankin musste seinen Polizisten kürzlich aus dem Ruhestand zurückholen, weil die Schar seiner Anhänger einfach nicht locker gelassen hat.

Spannung wird bis heute vor allem mit Formen der Trivialliteratur in Verbindung gebracht. Nicht nur die Literaturkritik in den großen Feuilletons rümpft deswegen die Nase – trotz einiger rühmlicher Ausnahmen – über Kriminalromane. Auch anspruchsvolle Schriftsteller der Moderne werteten Spannung als Mittel der Trivialliteratur. James Joyce mit seinem "Ulysses" zum Beispiel zeigte, das die Wirklichkeit des Lebens weniger Aufregung bereithält. Er schildert in seinem Roman die banalen und unschlüssigen Ereignisse eines einzigen Tages im Juni 1904 in der irischen Hauptstadt Dublin.

Mit Joyce zeigt sich die Geringschätzung für Spannungsliteratur als ästhetisch minderwertig. Auch Depkens Urteil über die Qualität der Kriminalerzählung ist eindeutig:

"Zunächst ist zu erwähnen, dass die Sensationsliteratur im allgemeinen keinen Anspruch auf hohe künstlerische Bedeutung und großen literarischen Wert macht. Sie will nur angenehm unterhalten… Mehr darf man nicht verlangen, wohl aber muß man von ihr fordern, daß sie nicht gegen die Gesetze der Moral und Ästhetik verstoße."

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