Und doch könnte es doch auch so sein: Ich stehe auf und bin glücklich. All die Unglücklichen lassen wir jetzt mal beiseite, die morden eh irgendwann. Ich gehe aus dem Haus und plötzlich kommt mir da so ein Gedanke: der perfekte Mord. Ich habe richtig Lust darauf. Aus reinem Spieltrieb. War das nicht bei American Psycho von Bret Easton Ellis so? Patrick Bateman ist ein  erfolgreicher, mit allen Lustquellen des Lebens ausgestatteter Geschäftsmann, vom Leben gelangweilt mordet er mal so eben zum Vergnügen. Mord als Kompensation. Damals ein Skandal, heute könnte der Plot auch im Großstadtrevier vorkommen.

Wo waren wir noch? Genau, beim Mord ohne Motiv.

Ich stehe auf und bin glücklich. Und dann juckt es mir in den Fingern. Einfach mal All-in gehen, wie bei einem Jäger, der zum ersten Mal Wild vor die Flinte bekommt. Einfach mal sich selbst riskieren. All-in. Das ganze Leben setzen. Sich wie Gott fühlen. Mit einem einzigen Stich an der richtigen Stelle. Mit etwas Kraft in den Armen und dem Kopf in der Beuge. Mit einem Schuss aus einer gefundenen Waffe  und schon ist es vorbei. Das letzte Tabu nach der Abschaffung aller Götter: Du sollst nicht töten. Und trotzdem habe ich es getan.

Und das Motiv?

Schlimme Kindheit, Wahnsinn. Eine Form von Selbstbestrafung. Ehrlich gesagt verderben einem die ganzen Psychologen doch das Morden. Nichts, das keinen Grund besitzt. Alles ist erklärbar.

Natürlich tun wir es nicht, aber wir könnten. Und dabei geht es nur um Mord. Und wie sieht es mit den anderen Verbrechen aus? Einfach mal was einstecken, weil es keiner bemerkt, um sich draußen auf dem Parkplatz unbesiegbar zu fühlen. Einfach mal einen erpressen, der es verdient hat, erpresst zu werden, weil er so viel besitzt oder uns so schlecht behandelt hat. Einfach mal einen entführen, bis alle durchdrehen, und dann wieder freilassen. Was die Frage aufwirft: Morde ich anders, wenn ich von unten komme, oder morde ich leichter, wenn ich schon oben bin?

Über das Klassensystem des Mordens existieren nur Ansätze, die von Sozialarbeitern stammen könnten.

Autodiebe haben immer ein Motiv. Brandstifter eine üble Kindheit. Landesverräter fühlen sich übergangen. Fälscher treibt der Neid an. Alle üble Kriminelle. Taschendiebstahl, Trickbetrügerei, Global Banking. Für was brauchen wir eigentlich ein Motiv? Um uns zu rechtfertigen. Besonders als Leser brauchen wir die Genugtuung, dass nichts unausgesprochen bleibt. Ist einmal klar, warum einer nicht anders konnte, als er konnte, kann ich bei mir überprüfen, dass es bei mir nie so weit kommt.

Niemals Tankstellen überfallen. Niemals Strommasten knicken. Niemals. Niemals. Oder doch?

Wolfgang Franßen © 07/2014

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