Wie Bonnie Jo Campbells Protagonistin Margo bricht auch die 17-jährige Sue Ellen in Joe R. Lansdales „Dunkle Gewässer“ letztlich mit einem Floß in ein anderes Leben auf. In ihrer Heimat am Sabine River im Osten Texas – dem Ort, an dem auch Lansdale aufgewachsen ist – ist ihr Leben von Armut, Unerbittlichkeit und Trostlosigkeit bestimmt. Ihre Zukunftsaussicht besteht darin, einen Mann aus der Gegend zu heiraten und sich von ihm verprügeln zu lassen. Dann entdecken Sue Ellen und ihr Freund Terry beim Angeln die Leiche ihrer hübschen Freundin May Lynn. Niemand interessiert sich für ihren Tod, doch Sue Ellen, Terry und ihre afroamerikanische Freundin Jinx wollen wenigstens May Lynns Traum wahr werden lassen und sie nach Hollywood bringen. Dafür brauchen sie Geld. In May Lynns Tagebuch finden sie einen Eintrag, in dem sie von der Beute aus einem Banküberfall ihres verstorbenen Bruders Jake erzählt, und eine Karte, wo sein Anteil vergraben ist. May Lynn hatte vor, mit diesem Geld nach Hollywood zu gehen – und nun könnte es Sue Ellen, Terry und Jinx ihre Flucht ermöglichen.

Die Freunde reagieren unterschiedlich auf diese Gelegenheit: Für Jinx ist es ein „Ausweg aus diesem Drecksloch“. Sie ist eine Schwarze in Texas zur Zeit der Großen Depression und sie weiß, dass sie an einem Ort ein besseres Leben haben könnte. Ihr Handeln hat ein klares Motiv. Terry will weg von seinem Stiefvater, außerdem betont er, dass sie das Geld nicht zurückgeben könnten, weil sie nicht wissen, von welcher Bank es stamme, und der korrupte ortsansässige Constable Sy es selbst behalten würde. Warum also sollten sie das Geld nicht nehmen? Für ihn spielt es zumindest eine Rolle, dass sie keine Handlungsalternative haben. Sue Ellen hat hingegen Skrupel, für sie „klingt das wie Diebstahl“, außerdem sei sie nicht „weniger ein Dieb“, nur weil sie von einem Dieb stehle. Ihre Bedenken sind vor allem moralisch – allen Widrigkeiten zum Trotz ist sie bisher ein guter Mensch geblieben und glaubt zu wissen, was richtig und falsch ist. Aber sie sieht auch, dass dieses Geld ihr einen Ausweg aus diesem Leben bieten könnte. Im Gegensatz zu ihren Freunden hat sie sich jedoch noch keine Gedanken gemacht, was sie mit ihrem Leben anfangen will. Daher hat sie höchstens ein Ziel: Sie will überleben.

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