Gjon Varoshi, der ihren Bruder getötet hatte, saß in einem der Fluchttürme, die überall im Hochland zu finden waren. Solange er ihn nicht verließ, war er sicher vor ihr. Sie musste warten, bis er herauskam. Direkt nach Skenders Tod hatte Jerinas Familie dem Mörder ihres Bruders das große Versprechen gewährt, wie es der Kanun vorsah: Dreißig Tage lang durfte Gjon Varoshi nicht angerührt werden. Danach blieb ihm nur noch der Turm oder der Tod.

Jerina lag schon seit ein paar Tagen auf der Lauer. Ihre Tante Valbona brachte ihr manchmal gegen Mittag Essen. Sie sagte, dass ein entfernter Verwandter von Gjon in diesem Turm saß, und das schon seit sieben Jahren. Über lange Zeit war er sogar der einzige in dem Turm gewesen. In den anderen Türmen saßen manchmal sogar ein Dutzend Männer. Die meisten wollten aber nicht in diesen Turm. Es gab Gerüchte, die nur die Männer kannten.

Tagelang geschah nichts, außer dass Männer aus dem Varoshi-Clan mit Essen für die beiden Männer im Turm kamen. Wieder geschah zwei Tage und zwei Nächte nichts. Und dann trat im Morgengrauen ein alter Mann aus dem Turm. Jerina legte das Gewehr an und beobachtete ihn. Der alte Mann entfernte sich einige Meter von dem Turm. Dann blieb er auf der freien Fläche stehen und rief einen Namen.
     Bist du eingeschlafen? Ist dein Gewehr nicht geladen? Nimm mein Blut!, rief der Alte. Lieber lasse ich mich von der Kugel töten, solange ich noch aufrecht stehen kann, als dass ich da drin an Altersschwäche verrecke.
     Als nächstes hörte Jerina ein Geräusch hinter einem Felsen. Jemand rief den Namen des Alten, wartete, bis er sich zu ihm umgedreht hatte, und schoss. Der Schütze nannte auch seinen eigenen Namen, aber Jerina verstand ihn nicht, weil er in der Explosion des Schusses unterging.
     Der Alte fiel aufs Gesicht. Der Schütze kam aus seiner Deckung, ging zu ihm, prüfte, ob er tot war. Dann drehte er ihn auf den Rücken, legte das Gewehr neben den Kopf des Toten und ging rasch davon.
     Es war noch nicht Mittag, als der Alte von seinen Clanmitgliedern geholt wurde. Sie würden ab jetzt dreißig Tage warten, um dann neues Blut zu fordern.

Auch Jerina wartete.
     Vielleicht geht Gjon zur Beerdigung des Alten.
     Natürlich geht er nicht zur Beerdigung.
     Vielleicht folgt er dem Beispiel seines Verwandten und lässt sich lieber erschießen, als sieben Jahre oder noch länger in dem Turm zu sitzen.
     Wahrscheinlich denkt er, ich halte nicht durch, weil ich eine Frau bin. Oder war.
     Dann dachte sie: Wir sind allein. Niemand ist mehr im Turm. Niemand vor dem Turm. Nur er und ich.
     Sie stand auf und stellte sich unter eines der Fenster.
     Komm raus!, rief sie. Komm endlich da raus, worauf wartest du noch?
     Aber er kam nicht.

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