Vielleicht war das der Grund, warum er während der Messe die Kirche verließ. Gleich nach der Wandlung trat er auf den Parkplatz hinaus, streckte die Schläfen der sachten Brise entgegen und ließ den Blick über Windhoek wandern. Einsam stand das Denkmal des Schutztruppenreiters vor der Alten Feste. Die Fidel-Castro-Straße war menschenleer, die Restaurants unten an der Independence Avenue waren allesamt geschlossen. Vielleicht war im Kalahari Sands Hotel noch etwas los, doch Kohler bezweifelte das. Wer sich dort einen Besuch leisten konnte, war schon längst nach Swakopmund ans Meer gefahren. Zumindest das weiße Zentrum Windhoeks war wie ausgestorben, die Bürgersteige hochgeklappt, selbst die bunten Lampen der Weihnachtsillumination schienen zu müde, um mehr als diffuse Halbschatten in die Nacht zu streuen. Kohler gab dem Wachmann drei Dollar und stieg in seinen Wagen.

     Was Kohler dazu bewog, nicht auf direktem Weg nach Hause zu fahren, wusste er nicht. Die Klimaanlage blies ihm erfrischende Kühle entgegen. Kohler stellte sich sanftes Schneetreiben hinter vereisten Scheiben vor. Dann dachte er, dass er sich auf dieses Land einlassen müsse. Irgendwo dort oben blinkte das Kreuz des Südens, und die Nacht war jung. Plötzlich fand er sich in der Talstraße wieder und fuhr gemächlich Richtung Ausspannplatz. Er fragte sich, ob wohl auch am Heiligen Abend die Nutten an der Einmündung zur Church Street standen, bog dann aber vorher links in die Gartenstraße ab. Die Ampel vor der Independence Avenue zeigte rot. Kohler hielt an.

     Die Schaufenster von Jordan´s Footwear auf der linken Seite waren vergittert. Am Eck, im Dunkel der Arkaden, standen ein paar Leute. Fünf, sechs vielleicht. Ihre Schatten flossen ineinander, so dass Kohler hätte hinstarren müssen, um die genaue Zahl auszumachen. Doch das tat er nicht. Er sah nur aus den Augenwinkeln hin, wollte vermeiden, dass jemand das als versuchten Blickkontakt werten konnte. Als er das Geräusch seiner Wagentür hörte, dauerte es einen Moment, bis er begriff. Da saß sie schon neben ihm. Sie war nicht viel älter als seine Tochter und trug eine dieser rotweißen Weihnachtsmannmützen, unter denen die Kassiererinnen bei Checkers schon seit Ende November schwitzen mussten. Was sie sonst anhatte, war kaum der Rede wert. Ein tief ausgeschnittenes Top und einen weißen Minirock, gegen den ihre dunklen Schenkel scharf abstachen. Sie lächelte Kohler scheu an und fragte: „You want to pick me up?“

     Normalerweise standen die Nutten ein paar Ecken weiter südlich. Trotz ihrer Kleidung sah sie auch nicht unbedingt nach Nutte aus. Eher hilfsbedürftig. Eine kleines, zierliches Mädchen, das sich im Beifahrersitz fast verlor. Kohler sagte: „ No, of course not.“

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