Die Zahlen sind eindeutig. In keinem Land wird so wenig gemordet wie in Japan. Das Weißbuch über Kriminalität 2013, das in diesen Tagen im November vom Justizministerium in Tokio veröffentlicht worden ist,  bestätigt  diesen Befund. Verglichen mit den Vereinigten Staaten – dem Spitzenreiter – , mit Großbritannien, Frankreich oder Deutschland ist Japan – Mord, Totschlag zusammen genommen – nahezu ein Paradies. Selbst in der Bundesrepublik wird gut drei Mal mehr gemordet als in dem ostasiatischen Land. In den Vereinigten Staaten wird sogar acht Mal so oft getötet. Die Aufklärungsquote bei Tötungsdelikten liegt in Japan bei 97,7 Prozent. Nur die deutsche Polizei kann da mit 96,1 Prozent mithalten. In den Vereinigten Staaten werden dagegen nur 64,8 Prozent dieser Delikte gelöst. Unter Japanern, das zeigen die internationalen Vergleichszahlen seit Jahren ganz deutlich, sind Mord und Totschlag seltener als anderswo.

     Warum ist das so? Sozialwissenschaftler beschäftigen sich seit Jahren mit dem Phänomen, dass es in Japan generell weniger Verbrechen gibt. Die Theorien westlicher Kriminologen, die einen engen Zusammenhang zwischen sozialen Spaltungen der Gesellschaft und Kriminalität festgestellt haben, verfangen in dem Land der aufgehenden Sonne nicht. Offensichtlich gibt es auch eine kulturelle Dimension des Verbrechens. Die japanische Kultur der Scham mag nicht so anfällig sein für Kriminalität. Zudem sind Harmonie und Gruppenzugehörigkeit immer noch stärker ausgeprägt. Der norwegische Soziologe Dag Leonardsen hat sich mit der Frage „Verbrechen in Japan – eine Lektion für die kriminologische Theorie?“ ausführlich mit dem Sonderstatus des ostasiatischen Landes beschäftigt. Neben strukturellen Faktoren wie Modernisierung und Verstädterung scheint es demnach auch eine kulturelle Dimension des Verbrechens zu geben. Wie anders ließe sich erklären, dass Plünderungen nach Naturkatastrophen in Japan stets Ausnahmefälle waren, während in anderen Ländern nach solchen Katastrophen das Militär allein die Ordnung noch aufrechterhalten und Plünderungen verhindern konnte?

     Und doch ist das subjektive Sicherheitsgefühl vieler Menschen in Japan – vor allem in der Hauptstadt Tokio – ganz anders. Selbst in abgelegenen Landesteilen gibt es Selbsthilfegruppen, die regelmäßig Patrouillen machen – und genau Buch darüber führen, wie viele Wohnungseinbrüche es im Viertel gegeben hat. Das hat viel zu tun mit der Politik. Obwohl die Zahlen von Mord und Totschlag in Tokio seit Jahren sinken, wächst die Angst. Der frühere nationalkonservative Gouverneur der Stadt, Shintaro Ishihara, hat in einem Zeitungsartikel vor wenigen Jahren vorgemacht, wie eine solche Stimmung geschaffen wird. Da sprach er vom „Zusammenbruch der öffentlichen Sicherheit“ – eine Folge der Globalisierung und der vielen Ausländer – wobei es in Japan bis heute praktisch keine Einwanderung gibt und die Zahlen nicht bestätigen, was er als Gefahr an die Wand malte.

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