Genau diesen Konflikt hat es in der NSDAP damals wirklich gegeben. Jetzt, wo Hitler im Roman ermordet ist,  bricht der Machtkampf in der Nazipartei offen aus. Goebbels und Strasser werden kurz darauf ebenfalls ermordet. Der Aufstand der Kommunisten wird von der Reichswehr im Bündnis mit der SA niedergeschlagen.  Die Nazis treten in die Regierung ein – als Juniorpartner von Papens und der reaktionären Reichswehrführung. Deutschland wird im Roman auch ohne Hitler zum autoritären Staat. Die Mörder sind da schnell gefunden: es können nur die Kommunisten gewesen sein. Auch der Mord an Hitler rettet im Krimi nicht die Republik von Weimar.

Kommissar Soetting weiß auch nicht weiter. „Einen Augenblick erwog ich die Möglichkeit, ob die Naziführer von eigenen Leuten ermordet worden waren. Aber es war abstrus, vor allem im Fall Hitler. Stoff für einen abseitigen Kriminalroman.“ Doch genau so, dieser abseitige Stoff für einen Kriminalroman ist näher an der Wirklichkeit, als sich der Kriminalist vorstellen mag. Göring – mittlerweile Reichsinnenminister und Preußischer Ministerpräsident – hat Hitler im Affekt mit der Goethebüste erschlagen. Er wollte den Führer überreden, auch als Vizekanzler in die Regierung einzutreten. Posten und Verantwortung oder reine Lehre – heute sind es andere Parteien in Deutschland, die diese Debatte führen. Doch Kompromisse ließen sich mit Hitler bekanntlich nicht machen. Im Zorn schlug Göring im Streit mit Hitler zu. Als Lohn seiner Tat wird Göring Innenminister unter von Papen – und damit oberster Dienstherr Soettings.

Aus der politischen Verschwörungstheorie, die Ditfurth als Rahmen seines Krimis aufgebaut hat, schnitzt er einen spannenden Thriller. Der Mord an Hitler war der zufällige Auslöser einer großangelegten Verschwörung der Marinebrigade Ehrhardt und ihrer nationalistischen Freicorpskämpfer. Freicorpsmänner ermordeten die  Naziführer, um einen Bürgerkrieg auszulösen, die Reichswehr zum Eingreifen zu bewegen und die linken Parteien zu verbieten. Soetting findet das alles heraus. Allein, im neuen Deutschland unter von Papen und Göring will das niemand mehr hören. Der Kommissar  wird am Ende selbst zum Tode verurteilt. Auch ohne Hitler driftet Deutschland in den nationalistischen Wahn. Der Roman beschreibt, wie die deutsche Geschichte auch hätte verlaufen können, wäre Hitler 1932 ermordet worden. Das Szenario ist dabei bestrickend realistisch.  Mit Hitler wird in Ditfurths Krimi „der Böse“ zwar ermordet. Doch „das Böse“ hat damit nicht verloren.

Christian von Ditfurth, Der Consul, Geest-Verlag, 15 Euro

Carsten Germis©12/2013

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