Und doch ist der Umgang mit seinem Tod viel mehr als eine Stoffsammlung für einen kurzweiligen Agentenkrimi im Stile Gérard de Villiers. Unmittelbar nach dem Bekanntwerden erster Aussagen des schweizerischen Untersuchungsberichts zu den Poloniumfunden überschlagen sich ganz reale Kommentatoren mit Mutmaßungen, ob ein solches Ergebnis nicht dem Nahostfriedensprozess schaden kann. Ganz reale Außenpolitiker, mit und ohne Mandat, politische Stiftungen und Leserbriefschreiber machen sich handfeste Sorgen ob der Frage, wie eine solche Berichterstattung in der „arabischen Straße“ wahrgenommen wird. Ist nicht bald schon wieder Freitag? Wäre es nicht besser, schnell noch westliche Einrichtungen, Schulen und Botschaften zu warnen? Auf dass sie ganz real ihre Fenster und Türen schließen mögen, um sich vor dem Ansturm der erregten Massen zu schützen? Und sicherlich wird der Bericht auch seinen Weg in die zuständigen Gremien finden. Es könnte ganz reale Sondersitzungen zum Umgang mit dem Thema geben. Fachleute aller Couleur werden sich überlegen, wie man das Thema „spielen“ soll. Ethisch, aber sicher auch taktisch. Aus Arafats Tod wird also nicht zwingend ein Krimi, aber mit zwingender Sicherheit wird viel darüber geschrieben.

     Ist es vor diesem Hintergrund zu verantworten, sich eine oder zwei der möglichen Theorien auszusuchen und den Rest frei hinzuzufügen? Arafat lässt sich als Getriebener skizzieren, der von der Vergangenheit gejagt erst auf dem Totenbett seinen Frieden mit Israel macht. Oder als Zyniker, der sterben muss, weil er selbst gegen Ende seines Lebens nicht einsehen will, wie viel Leid er von eigener Hand verursacht hat. Oder als Held und Heilsbringer. Eine perfekte Reflektionsfläche. Das Produkt würde als Krimi daherkommen, aber im Grunde wäre es auch eine politische Biographie. Eine Abrechnung, eine Lobpreisung. Der Autor, die Autorin würde „Geschichte schreiben“.

     Vielleicht liegt hier das Problem. Jedes Wort wird im Nahen Osten auf die Goldwaage gelegt. Vergleichsweise technische Papiere wie die Ratsschlussfolgerungen der Europäischen Union, unzählige Resolutionen, die jedes Jahr aufs Neue in New York, bei der UNESCO und vor dem Menschenrechtsrat in Genf zur Abstimmung anstehen, beschäftigen nicht nur den innersten Zirkel der eingeweihten Experten, sondern werden auch in deutschen Tageszeitungen und Kommentarforen erregt diskutiert. Jede Aussage tritt eine Kaskade von Vermutungen los. Jetzt sei es ja klar, man habe es immer schon gewusst, irgendetwas sei da bestimmt dran. Vieles davon auf halber Strecke zwischen echter Besorgtheit, Empörung, Sachkenntnis, manchmal auch nur Wichtigtuerei. Eine Geschichte, die eigentlich nur spannend unterhalten soll, kann in einem solchen Kontext schnell verletzend wirken. Kann Steilvorlage für Verschwörungstheorien sein oder als lächerliches Phantasieprodukt diskreditiert werden.

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