Die kulturelle Hegemonie der bestehenden Herrschaftsverhältnisse reproduziert sich wunderbar selbst, solange die klaffenden Lücken in unserer Kenntnis des Zeitgeschehens nicht spürbar, sinnlich wahrnehmbar werden. An genau dieser Stelle greifen die Romane ein, von denen ich sprechen will. Die Fiktionalisierung macht denkbar, konkret vorstellbar, was Wahrheiten abseits des allgemein Verbreiteten sind. Sie kartographiert Dimensionen des Weltgeschehens, die sonst nicht oder bestenfalls abstrakt in unserem Blickfeld auftauchen.

     Wie Merle Kröger (Deutscher Krimipreis 2013 für Grenzfall) in ihrer Nachbemerkung schreibt: »Grenzfall ist ein Roman, frei erzählt nach Ereignissen, die sich 1992, knapp zwei Monate vor den Pogromen in Rostock-Lichtenhagen, nahe der deutsch-polnischen Grenze zutrugen. Wir haben darüber einen Dokumentarfilm gemacht, der 2012 unter dem Titel Revision im Kino lief. Parallel zur Filmrecherche entstand die Idee, eine Geschichte zu schreiben, in der sich dokumentarische Fäden von damals fiktiv ins Heute spinnen. Der Kriminalroman gibt die Chance, emotionale und politische Momente zu verdichten und die Realität in einen Möglichkeitsraum umzudenken.«

     Es war einmal in Europa: Dieses Europa, in dem wir hier und heute morgens aufstehen und durch unseren Alltag manövrieren, wimmelt nur so von verschwiegenen, von auch bereitwillig verdrängten Wirklichkeiten. Grenzfall führt uns direkt zu den Lücken und füttert das denkende, fühlende Wesen in uns mit packend erzählter Realität. Was Kröger mit diesem Verbrechensroman gelingt, ist de facto das Erzeugen bzw. Schärfen eines gewärtigeren Blicks. Wer das Buch gelesen hat, schaut anders  auf die uns tagtäglich umgebende Wirklichkeit, sieht zuvor ausgeblendete Menschen und Prozesse. Was geschah 1992 wirklich im deutsch-polnischen Grenzgebiet? Sicher ist: Es gab zwei Tote. Und es hat gebrannt. Der Rest ist gnädig überdeckt von zwanzig Jahren Alltag im wachsenden Europa: Demokratie und Wohlstand für alle. – Für alle???

     Merle Kröger sagte im Gespräch mit Ulrich Noller: »Krimi ist gleich Dramaturgie ist gleich Melodram ohne Geschwätzigkeit, ist gleich fragen, um Antworten zu hören, nicht um der Fragen selbst willen, auch wenn ich die Antworten nicht immer hören bzw. lesen will. Ein Genre, in dem Härte und Dreckigkeit erlaubt ist. Sogar Verspieltheit, wenn man nicht selbstverliebt wird. Im Krimi steckt für mich auch ein großes Potential für Realismus, der nicht abbildet, sondern Realität interpretiert, weiterdenkt. (…) Wo fängt denn Politik an? Bei den Charakteren? Bei der gesellschaftlichen Relevanz? Oder bei den realpolitischen Bezügen? Auf dem Feld in Vorpommern? Auf dem Weg der Roma von Indien nach Europa vor knapp 1000 Jahren? Bei der Hautfarbe von Mattie Junghans? Oder bei den realen Kommunalwahlen vor ein paar Monaten? Im Kino oder auf dem Marktplatz am Biogemüsestand? Das Politische im Krimi muss sich nicht unbedingt im Setting 1 zu 1 spiegeln. Es kann sich im Inneren einer Figur finden. In der Form, eine Geschichte zu erzählen.« (Gespräch mit Ulrich Noller im Culturmag: culturmag.de/crimemag/merle-kroeger-grenzfall-im…noller/62343‎)

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