Man kann das alles historisch nach hinten verlängern, zu Namen, die auf den ersten Blick nichts mit „Genre“ zu tun haben: Bis zu Herman Melville, zu John Dos Passos, zu Dorothy Parker, in die Gegenwart zu Philip Roth oder Paul Auster. Würde man aber tatsächlich versuchen, eine Literatur- und Kulturgeschichte der Stadt ohne die jeweils andere Hälfte von Mainstream und Kriminalliteratur zu schreiben, sie würde schräg, schief und falsch. Man kann von Melville zu Auster kommen, ohne Charyn. Man kann von Damon Runyan zu Nathan Larson kommen, ohne Dorothy Parker – aber wie nichtssagend und leer  wäre so etwas. Vielleicht kann man Weimar nur anhand von Herder, Schiller, Goethe schreiben, Metropolis lässt solche restriktiven Versuche nicht zu. High & low sind an dieser Stelle sinnlose Kriterien.

    Es geht auch nicht ohne Bilder, nicht ohne die Comics von Will Eisner, nicht ohne die Fotos von Bernice Abbott und WeeGee, und nicht ohne die Filme von Martin Scorsese („Taxi Driver“, „Mean Streets“, „The Gangs of New York“), denn wer sich Manhattan nur durch die Brille von Woody Allen anschaut, könnte auf die Idee kommen, die City sei lediglich von feingeistigen und witzigen Intellektuellen bewohnt, und es gäbe selbst auf der Straße kaum Menschen mit anderen Hautfarben als weiß.

    Auch der Sound der Stadt hat eine eigene Beziehung zu Crime und Crime Fiction: Das fängt bei den speakeasies der Prohibitionszeit an, hat einen direkten Zusammenhang zu den glamourösen und künstlerisch sehr avancierten Aspekten des organisierten Verbrechens –  Stichwort „Cotton Club“, in dem heftigster Rassismus, die Avantgarde (hier hatte Duke Ellington das Budget, um seine musikgeschichtlich bahnbrechende All-Star-Band bezahlen zu können) und das pure Gangstertum (der Club gehörte Owney „The Killer“ Madden aus Hell´s Kitchen, der sich mit seinen Gophers hochgekillt hatte) völlig organisch zusammengingen. Und seitdem elaboriert die Stadt ständig neue Sounds, die vieles sind, aber nicht gewaltfrei und idyllisch.  Punk, Rap, HipHop, salsa dura oder John Zorns diverse hommages an die romantischen Zeiten des noir, als Figuren wie David Goodis sich in schäbigen Hotelzimmern auf ihre Schreibmaschinen hämmernd zu Tode soffen.

    Cops und Gangster strukturieren die Stadt, mehr als vielleicht die ethnischen Grenzziehungen vermuten lassen. In einer sehr eindrücklichen Montage zeigt das ein kleiner Schnipsel von Miles Davis (Musik kann crime fiction und non fiction involvieren), in dem viele Stimmen von Menschen unterschiedlichster Herkunft in den unterschiedlichsten Sprachen und Akzenten immer wieder den einen Satz sagen, mit dem der schwarze Weltstar von Streetcops, denen seine Fresse nicht gefiel, einfach mal niedergeknüppelt wurde: „You´re under arrest“.

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