Vielleicht alles nur zu lange her. „Des hommes et des dieux“, die Geschichte um die Ermordung katholischer Mönche in den Wirren des Bürgerkriegs, hat unser Interesse noch einmal für wenige Wochen erregt. Der Ort des wirklichen Verbrechens, ein burgähnliches Kloster mitten in den noch von Frankreich angelegten Weinhängen des Atlas, inspiriert. Zeigt Widersprüchlichkeit und ist doch versteckt und unerreichbar. Das Land macht es seinen Liebhabern eben nicht leicht. Der Film musste in Marokko gedreht werden.

     Und doch buhlt die ganze Stadt um Aufmerksamkeit, wie Cheika Rimitti, die große Rai-Sängerin aus den Kabaretten der Fünfziger Jahre in den gemauerten Lagerhallen am Wasser. Die stilvollste Anreise erfolgt mit der Fähre, vierundzwanzig Stunden über das Mittelmeer. Algerische Familien reisen mit Kindheitserinnerungen an geschlachtete Hammel, Chaabi-Musik und Kardamon im Gepäck. Französische Rentner und deren Enkel erinnern sich an verwackelte Super-8-Filmaufnahmen aus den Kisten auf dem Dachboden. Frauen in enggeschnittenen Badeanzügen am Strand, Männer mit Hornbrillen und exakten Seitenscheiteln in den Hängen des Atlas. Beim Skifahren, Picknicken oder in Uniform beim Kämpfen mit Fallschirm, Napalm und Hubschraubern. Irgendwo auf den älteren Bildern wird sich auch Albert Camus finden, wie er für Racing Universitaire d’Alger Fußball spielt und die Muslime im Stadtviertel Belcourt erfolglos versucht, zum marxistischen Atheismus zu bekehren. Die wenigen Deutschen in der Stadt sind kaum sichtbar, manche haben ihren algerischen Partner in den Zeiten der sozialistischen Brüderlichkeit gefunden und kennen das Gefühl, wenn sich ein Weltbild in Luft auflöst. Nichts ist geblieben.

     Und genauso unfassbar bleibt auch das Ziel der Reise. Was aus einigen Kilometern nach einem restaurierten Prachtboulevard aussieht, nach einem gigantischen Amphitheater aus Jugendstilbauten, Jasminranken und roten Blüten rund um die Baie d´Alger, das verwandelt sich bei der Einreise zu einem rostigen Chaos. Die weiße Farbe blättert ab, schiefe Ebenen zwischen den Bürgerhäusern halten als Park her, und anstelle der elitären Bourgeoisie der Kolonialzeit drängen sich arbeitssuchende Jugendliche, Migranten aus Afrika und zerbrochene Hoffnungen an den Hafen, der längst aus allen Nähten platzt und selbst der Entwicklung eines Landes, das fast nur Erdöl und Erdgas und vielleicht etwas Datteln exportiert, nicht mehr gerecht wird. Die Stadt will alles nachholen, was sie tagtäglich im Satellitenfernsehen sieht, und was so schmerzhaft jeden Sommer vorgeführt wird, wenn die nach Frankreich ausgewanderten maghrebinischen Familien für wenige Wochen Strände, Restaurants und Promenaden bevölkern. Fluch der Geographie? An der Einstiegsstelle des alten sozialistischen Tauchclubs mitten auf der zentralen Mole des Hafens scheint Europa fast greifbar. Den dunklen Dunst über dem Meer könnte man bei halb geschlossenen Augen schon für die Gegenküste halten. An der U-Bahn hat eine ganze Generation gebaut, die Stadtautobahn und die Wohntürme wachsen noch langsamer. Die Wünsche der Menschen wesentlich schneller.

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