„Naked City“ zeigt Menschen wie sie staunen, lachen, die Augen aufreißen oder bei einer Beerdigung ihrer Trauer kaum Herr werden. Dieselbe Gespreiztheit im Leben findet er in der Oper unter den Spitzengarderoben wie im staunenden Zirkuspublikum. Er fotografierte Kinder, die einen Hydranten knackten und in der Hitze im Wasser herum sprangen. Er folgte ihren Eltern nach Coney Island, um deren schnelle Liebe in einem Kuss am Strand abzulichten. Er verewigte eine Mörderin, die für 2 Dollar einen Busfahrer ermordet hatte und die Fingerabdrücke abgenommen bekam. Im Line-Up-Room begegnet er einem Copkiller wie Einbrechern, die sich als Frauen verkleideten. Selbst jene, die nach der Verhaftung ihr Gesicht hinter Taschentüchern oder Hüten versteckten, hielt er in Erinnerung.

     Und so fängt Weegee in seinen Fotos jenes Lebensgefühl ein, das den Roman Noir prägt? Auf der Flucht vor sich selbst, ein letztes Stück Leben erwischen, um bloß so viel zu vergessen, dass man über die Runden kommt.

     Wer die Bilder eines Edward Hopper betrachtet, sich Fotografien von Weegee ansieht oder mit dem klassischen Gangsterfilmen aufgewachsen ist, entdeckt die Einsamkeit als einziges Paradies, in dem die Wahrheit keine Rolle spielt. Aufzubegehren, sich als Rebell zu fühlen, mag da noch ein Heilmittel zu sein, um seine Seele zu retten. Und als habe er seinem Leben dem Roman Noir untergeordnet, starb Weegee weitgehend vergessen. Und man fragt sich, was der Mann, der für seine Bildunterschriften berüchtigt war, wohl als Unterschrift und sein Leben gesetzt hätte.

Wolfgang Franßen © 09/2013

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