Zwischen Beruf und Berufung

John Luther jagt Verbrecher mit ähnlicher Besessenheit wie Gregory House in der Dramaserie "Dr. House" medizinische Rätsel löst – und ist dabei nicht minder gebrochen. Denn der Preis für den Kampf gegen das Verbrechen ist hoch. Sein rastloser, analytischer Verstand, der sich tief in die Psyche der Täter – zumeist Soziopathen und Serienkiller – eingräbt, findet erst Ruhe, wenn ein Fall eindeutig gelöst ist. Zeit, den Erfolg anschließend zu genießen, bleibt nicht, denn das nächste Gewaltverbrechen lässt nicht lange auf sich warten. Das hinterlässt Spuren. Luther ist ein innerlich zerrütteter, zunehmend in sich verzweifelnder Mann, der sich trotzdem energisch und engagiert gegen das Verbrechen stemmt. Seine Kraftreserven? Der Glaube an das Leben und an die Liebe. Aber er steckt so sehr "im Bösen", dass er sich selbst längst ein Stück weit darin verloren hat.

      Manchmal blickt er gedankenverloren in einen Abgrund, unsicher, ob er nach wie vor auf der richtigen Seite steht. Denn dieser Kampf zwischen Gut und Böse, richtig und falsch findet nicht nur in der Außenwelt statt; er tobt auch in seinem Inneren.

      Unbeschwertes Sein ist zu einer Unmöglichkeit geworden. Während andere abschalten, sich Hobbys oder ihrem Privatleben zuwenden, arbeitet es in Luther unablässig weiter, bis er die krankhafte Psyche der Täter freigelegt und das Muster hinter ihren Taten enthüllt hat. Feierabend gibt es nicht. Er steigert sich in seine Fälle bis zur Erschöpfung. Gleichzeitig ist seine Leidenschaft, seine schiere Kraft, genau das, was ihn als Ermittler auszeichnet. Sie markiert den Unterschied zwischen Beruf und Berufung, birgt aber zugleich das Risiko der vollständigen Selbstaufgabe, des Burnout, zumal  er nicht reden kann über das, was in ihm passiert. Was er opfert, weiß er selbst. Doch er kann nicht aus seiner Haut. Dabei bleibt letztendlich seine Ehe auf der Strecke.

      Gelingt es Luther nicht, einen Täter "auf die richtige Weise" zu kriegen, gerät er emotional unter Druck, wächst eine schwer einzuschätzende, an Jähzorn grenzende Impulsivität, die sich irgendwann entlädt… Nitroglyzerin. Sein Temperament – Spiegel seines inneren Konflikts – ist seine Achillesferse und mehr als einmal gerät er darüber ins Stolpern und verfängt sich in Situationen, aus denen es um ein Haar kein Entkommen gibt.

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