Damit stellt sich Derek Raymond – das gilt heute noch – gegen den Trend, der aus dem Typus serial killer, aus Metzel- und Schlachteplatten schlicht und einfach Umsatz generiert, ohne sich irgendwelcher Implikationen bewusst zu sein – oder, weniger benevolent gesagt, sich einen feuchten Dreck darum zu scheren. Ich würde eine solche Haltung weniger als rebellisch bezeichnen, aber vielleicht ist das Schwimmen gegen den Mainstream oder schlimmer: das Ignorieren des Mainstream  inzwischen schon ein Delikt, das Rebellentum, Umsturz und Revolution signalisiert.

     Seine moralische Haltung hat Derek Raymond nie laut trompetend auf einer Kohlenschaufel vor sich hergetragen. Er blieb stets den Merkmalen seiner Klasse treu – stiff upper lip, die Körpersprache eines in Sandhurst ausgebildeten britischen Offiziers, selbst in den wunderlichsten Situationen (und ich erzähle jetzt keine Anekdoten, die meistens mit einem seiner Lieblingssätze anfangen würden: „Let´s empty the bar…“). Er konnte auch derbe, fies und extrem überzeugend fluchen wie der prolligste Cockney. Er konnte eisig und schneidend analytisch brillant in Rededuellen seine Gegner filetieren (unvergesslich ein Abendessen, in Paris oder Grenoble, als er einen pöbelnden und bramarbarsierenden James Ellroy vernichtete), und er war sich vor allem seiner literarischen Mittel und ästhetischen Möglichkeiten sehr souverän bewusst.

     Dass man in Kriminalromane fast die gesamte subversive Literatur des Abendlandes so einfließen lassen konnte, ohne dass daraus Meta-Literatur entsteht, dass man Emotion so virtuos durch Einschübe nicht-narrativer Elemente in die Erzählung nuancieren kann, dass man selbst das Widerwärtigste komischen Brechungen aussetzen kann, um noch einen Tropfen mehr an Gewinn aus Texten holen zu können – vielleicht hat ihn all das zum Außenseiter in einem literarischen Betrieb gemacht, der schon in den 1980ern anfing, auf Formel und Breitenkonsens einerseits und auf möglichst papierne Subventionsliteratur andererseits zu setzen.

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