Wichtig ist, dass alle diese Romane kaum irgendwelchen Konventionen folgen. Schon gar nicht denen, von denen man immer als „Gesetze des Genres“ deliriert … dass es so etwas sowieso nicht gibt, beweisen Derek Raymonds Bücher immer wieder. Sie rebellieren dagegen auch überhaupt nicht, in dem sie etwa literarische Regelverstöße begingen – sie ignorieren konventionalisierte Modelle von Crime Fiction in gleichgültiger Manier. Und sind doch ganz evidentermaßen Kriminalromane auf einem ästhetischen und intellektuellen Niveau, das selbst fast 20 Jahre nach Raymonds Tod die große Mehrzahl seiner weltbekannten und weltberühmten Kollegen blass aussehen lässt.

     Ist er deswegen ein Rebell?

     Auch seine Themen sind nicht rebellisch. Der namenlose Sergeant einer obskuren Spezialeinheit der Londoner Metropolitan Police oder sein Kollege Kleber von der Pariser Police Judiciaire haben es mit Psychopathen zu tun, mit Serienkillern und Axtmördern und dem organisierten Verbrechen. „I was Dora Suarez“ bietet sicher die immer noch entsetzlichste Mordszene der Literaturgeschichte, die dennoch mit den Metzelorgien und Blutflüssen von Karin Slaughter, Veit Etzold (dessen ultrabanale Sprache den moral-ästhetisch-erkenntnistheoretischen Unterschied vielleicht am besten markiert) und anderen Blutsudlern überhaupt nichts zu tun hat. Bei Derek Raymond ist der Exzess immer auch Teil eines mémoire collective an die Opfer und Teil einer Poetik der Trauer. Deswegen hat er seine Romane, ganz besonders aber „I was Dora Suarez“, als novel of mourning bezeichnet. Wobei die Trauer nicht auf den betrüblichen, womöglich anthropologischen resp. allgemein menschlichen Zustand der Psyche von homo sapiens – oder metaphysisch gewendet: auf „das Böse“ – zielt, sondern immer ganz dezidiert auf die gesellschaftlichen Ursachen der Malaise. Insofern waren seine London-Roman der 1980er Jahre auch Teil des „Anti-Thatcher-writings“ dieser Zeit, aber sie gingen nie darin auf … deswegen auch seine analogen Ausflüge nach Paris. Derek Raymonds Psychopathen sind die, die bei aller Widerwärtigkeit ganz im Sinne der gesamtgesellschaftlichen Machtverhältnisse funktionieren. Verhältnisse, die auf der anderen Seite die Opfer produziert und marginalisiert, denen sich der Sergeant anverwandelt, um die Täter final aus dem Verkehr zu ziehen. Die Täter also, die Psychopathen, die Serial-Killer, die angeblichen Pop- und Kultur-Ikonen unserer Tage, deren Lob und Preis Autoren von Thomas Harris bis Jan Costin Wagner nicht müde werden zu singen. An deren Schreckenstaten wird in Tausenden gleichförmiger Schwarten das „Böse“ als irgendeine höhere Macht oder als Ausweis krimineller Devianz und Abartigkeit definiert. Derek Raymonds Psychopathen sind auch keine fake-Nietzeanischen Übermenschen und Genies, für die angesichts ihrer schon fast ästhetischen Schaffenslust wie bei Hannibal Lecter menschliche Gesetze lächerlich und ungültig erscheinen.

     Derek Raymonds Psychopathen stehen in der Mitte der Gesellschaft, ihr Verhalten, wenn sie es nicht gerade mit dem Beil ausleben, sondern mit dem Federhalter, ist „normal“ – ganz wie es Arno Gruen in seiner maßgeblichen Studie „Der Wahnsinn der Normalität: Realismus als Krankheit – eine Theorie der menschlichen Destruktivität“ beschrieben hat. Nele Hoffmann hat in ihrem Buch „A Taste for Crime“ diesen Aspekt bei Derek Raymond ganz deutlich herauspräpariert.

zurück weiterlesen