Mit Außenseitern hat sich Nakamura aber auch in seinem Soziologiestudium in Fukushima beschäftigt. Seine Abschlussarbeit schrieb er 2000 über die „Psychologie des Kriminellen“. Schriftsteller wurde er, weil er sich nicht – wie fast alle seine Altersgenossen – auf die Jagd nach einem Job in einem der angesehenen japanischen Unternehmen beteiligen wollte. „Warum nicht versuchen, einen Roman zu schreiben?“ dachte er sich. Nicht nur der schnelle Erfolg zeigte ihm, dass das Schreiben sein Leben ist.

Jedes Jahr einen Roman abliefern, Schriftsteller in Japan zu sein, ist „ein harter Job“, sagt Nakamura. Schreibblockaden kennt er nicht. „Ich platze vor neuen Ideen für Geschichten“, sagt er. „Das ist weniger eine Frage von Talent, es ist mehr wie eine Krankheit.“ Das zweite, jetzt ins Englische übersetzte Buch „Evil and the Mask“ sprudelt dabei manchmal fast über vor Lust am Erzählen. Verschwörungstheorien vom Irakkrieg bis zu terroristischen Gruppen in Japan verleiten Nakamura immer wieder auszuschweifen. Das zweite Buch ist mit 356 Seiten deutlich dicker als „Der Dieb“, ein bisschen Straffung hätte nicht geschadet. Dabei ist „Evil and the Mask“ zwar ein geradezu klassischer Noir, es ist aber auch eine (fast) romantische Liebesgeschichte.

Am Tag, als der Vater Fumihiro Kuki mitteilt, dass er ihn zu einem „Krebsgeschwür“ des Bösen machen wird, adoptiert er ein Mädchen im Alter von Fumihiro. Es kommt, wie vom Vater geplant: Die Kinder verlieben sich ineinander. Fumihiro wird Zeuge, wie der Vater das Mädchen, Kaori, missbraucht. „Die Hölle“ an Fumihiros 14. Geburtstag soll sein zusehen zu müssen, wie Kaori von mehreren Männern missbraucht und zu einem Leben in der Gosse verdammt wird. Der Sohn will das um jeden Preis verhindern. Er ermordet den Vater – und erlebt auch so, wie von diesem geplant, die Hölle. Fumihiro nimmt die Persönlichkeit eines anderen an, bis hin zur Gesichtsoperation. Aus der Ferne verfolgt er Kaoris Leben. Jeder, der fortan versucht, Kaori Kuki zu schaden, wird ermordet. Eine düstere Geschichte ist das, wie „Der Dieb“, aber eine mit einem überraschenden Happy End.

Wie kommt Nakamura auf seine düsteren Phantasien, die ihn zu einem der hoffnungsvollsten Noir-Autoren Japans machen? Auf einem Seminar hat er angehenden Schriftstellern dazu kürzlich einen Rat gegeben: „Bleiben Sie eine Nacht irgendwo in einem Hotel. Setzen Sie sich, ein Notizbuch vor sich. Sie wissen, dass Sie keiner Menschenseele zeigen werden, was Sie schreiben. Und schreiben Sie so ehrlich wie möglich über sich selbst. Es wird etwas dabei sein, das Sie gebrauchen können.“

NAKAMURA; Fuminori, The Thief, New York 2012, 7,  90 €

NAKAMURA, Fuminori; Evil and the Mask, New York 2013, 19, 90 €

Carsten Germis © 08/2013

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