Nicht von der Hand zu weisen, ist auch der Verdacht, dass die Kriminalliteratur seit ihren Ursprüngen mit den Praktiken der Strafjustiz verknüpft ist  – und sei´s negativ. Foucault erzählt sehr schön nach, wie das populäre Genre der „Schafott-Erregungen“, also Narrative des Protestes gegen als ungerecht empfundene oder handwerklich verunglückte Hinrichtungen und andere Martern, also Körperstrafen, im Zeitalter der aufkommenden Gefängnisstrafen abgelöst werden von Narrativen, die das Verbrechen erhöhen, wie bei Charles Baudelaire und Thomas de Quincey („Der Mord als schöne Kunst betrachtet“).
    Émile Gaboriau mit seinem Inspecteur Lecoq (dessen Namen nicht umsonst an Vidocq erinnert, an den Staatsschergen also, der die „erlaubte Gesetzwidrigkeit der Macht“ (Foucault) in die reale Polizeiarbeit eingeführt hat und damit die Grundlagen aller bad cops aller einschlägigen Narrative geschaffen hat) und Edgar Allen Poe mit seinem Auguste Dupin haben „das Verbrechen“ zum abstrakten Denkspiel gemacht, das nichts ist für Tagelöhner und Arme und Marginalisierte – „die großen Morde sind dem Volk entzogen, sind zum lautlosen Spiel der Weisen geworden“, wie es bei Foucault heißt.
    So wie das „Kerkergewerbe der Gesellschaft sicher stellt, dass der Körper wirklich in Verwahrung genommen wird und dass er unter ständige Beobachtung gestellt wird“ (nochmal Foucault), so achtet die Kriminalliteratur lange darauf, dass Verbrechen, wenn es denn schon nicht mehr ganz überzeugend als Angelegenheit höherer Geister zu verkaufen ist, wie man es noch bis ins Golden Age versuchte, doch wenigstens als Bedrohung der Allgemeinheit zu präsentieren. Eine Bedrohung, die aber nicht aus der berühmten „Mitte der Gesellschaft“ kommt, sondern aus zwei exotischen Quellen: der verbrecherischen Disposition delinquenter Individuen, die nach der Logik des durchschnittlichen Ermittler-Narrativs (Polizei) mit finalem Rettungsschuss erlegt oder der verdienten Haftstrafe zugeführt werden. Die zweite Variante ist der Wahnsinnige, der Psycho- und Soziopath, der irre Serial-Killer. Dessen Absonderung von der Gesellschaft (so, als seien Psychopathologien irgendwas Metaphysisches oder gleich das nicht weiter begründbare Böse) ist vermutlich noch erfolgreicher gelungen, denn der kann wiederum aus dem Knast heraus agieren – so wie Hannibal Lecter – und gleichzeitig zum Pop-Star erhoben werden.
    Die „Niederlage der Strafjustiz“ scheint also ein kleines Generierungsmaschinchen zu sein, das um den Ort Gefängnis herum eine ganze Anzahl von Narrativen anordnet, die in einem deutlichen, wenn auch nicht immer auf den ersten Blick erkennbaren Zusammenhang damit stehen.

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