Ähnlich steht es mit der „Poetik“. Natürlich gibt es immer wieder die Frage, was denn ein „guter Krimi“ sei. Dabei handelt es sich vermutlich um die zeitgenössische Sehnsucht nach einer Art „Regelpoetik“, an der man beckmesserisch abarbeiten kann, was sie so als einzelne Merkmale für einen gelungenen Kriminalroman anbietet und was vor allem die eigene Urteilsfähigkeit nicht allzu sehr herausfordert. Außer den berühmten „Regeln“ von S.S. van Dine und den seltsam rituellen Selbstverpflichtungen von Autoren des Golden Age, nach denen niemals der Gärtner der Mörder sein dürfe (oder ähnlichen Unfug), gibt es keine Regeln, und diese hoffentlich nicht ernst gemeinten Regularien hatten eh nicht den geringsten Einfluss auf die literarische Praxis ihrer Zeit und auf deren whodunnits, bei denen Wirklichkeits- und Wahrscheinlichkeits-Beugung schlicht und einfach dazugehörte. Und sei´s als Ausweis für den bewussten Anti-Realismus, mit dem man Mord-Spiele nach der bis dato größten Mordorgie (dem 1. Weltkrieg) wieder in die literarische und vermutlich auch gesellschaftspolitische Vor-Moderne zurückscheuchen wollte.
     Aber diese eher drolligen Versuche einer Reglementierung, die – anders als zu Zeiten „echter Regelpoetiken“ – nicht mehr im geistes-, kultur-, religions-, erkenntnistheoretischen oder sonstigen Kontext der Zeit abgesichert waren – stehen doch am Anfang der allgemeinen Rede über die berühmten „Regeln des Genres“, die erfüllt oder überschritten oder verletzt oder außer Kraft gesetzt werden oder mit denen „gespielt“ wird. Besonders gerne wird auch, nebenbei bemerkt, „mit den Versatzstücken des Genres gespielt“, vor allem dann, wenn diese Formel auf Klappentexten oder in verteidigenden Rezensionen misslungener Bücher auftaucht. Übersetzt heißt das meistens: „Der Autor weiß nicht so recht, was er da macht, das Ganze ist in die Hose gegangen, aber wir verkaufen´s dem Leser mal als Absicht.“
     Daraus folgt, dass es diese Regeln wohl geben müsse und dass sie allgemeinverbindliche Normen vorgeben, selbst da, wo sie negiert werden „In der Negation bleibt das Negierte bestehen“, according to Wolfgang Iser. Ja, sicher dat. Und so entsteht ein Galimathias wirrer Redeversatzstücke über Krimis, die umso selbstverständlicher genutzt werden, je weniger man sie auf ihre Validität geprüft hat oder dazu in der Lage ist. Nein, es gibt keine Regeln des Genres, keine Gesetze. Die gibt es nur in den Bauanleitungen von formula fiction, der es nicht um Literatur geht, schon gar nicht um Kriminalliteratur, sondern um die größtmögliche Anzahl vermutlich verkaufbarer Exemplare.
     Aus dieser unübersichtlichen Lage resultiert auch der Irrtum, Kriminalliteratur sei eine „Form“ – oder zumindest zwei „Formen“, der Detektivroman und der Thriller, was gattungstheoretischer Unfug ist und nicht tiefer reicht als eine ganz schnelle Einschätzung und die Verständigung darüber zu liefern: Krimi ist mit Mord und Aufklärung und Aufklärer, Thriller nicht unbedingt.

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