„Auf Meyer‘s Ranch?“
     Ich nickte.
     „Ich bin erst am nächsten Morgen zur Barker runter.“
     „Grusel-grusel“, sagte sie.
     Grusel-grusel.
     Die Barker-Ranch war von einem brüchigen Zaun umgeben, die ehemaligen Gebäude waren nur noch Ruinen. Auf dem Hof mehrere ausgeschlachtete Laster, Kabelgewirr. Herumliegende riesige Reifen und auf dem hinteren Hügel ein alter, birnenförmiger Beton-Swimmingpool. Unvorstellbar, dass er je mit Wasser gefüllt war. Die blassblaue Farbe des Beckens war fast vollständig abgeblättert.
     Ich suchte Janes Blick.
     „Wenn ich mich richtig erinnere“, sagte ich, „habt ihr da oben in der ersten Zeit nur gekifft und kreuz und quer rumgevögelt.“
     „Mir wars von Anfang an unheimlich.“
     Dazu sagte ich nichts mehr. Auch Jane schwieg.
     Jane, Baby Jane.
     Es war jetzt rein gar nichts mehr zu hören. Kein einziges Wort, nicht das geringste Geräusch. Nichts von den Gästen, nichts vom Wirt, der mit ausdruckslosem Gesicht die Gläser polierte.
     Doch dann sprach Jane weiter.
     „Unsere Fahrt zu der Ranch war eine Flucht“, vernahm ich wie durch Watte. „Es gab einen Anlass, einen Vorfall am Highway 101, ungefähr sechs Meilen südlich von Ukiah. Eine wirklich üble Sache. Einer der Jungs trug sein Lasso nicht mehr bei sich. Er sagte, er habe es wahrscheinlich irgendwo liegengelassen. Aber das war gelogen. Ich sah es ihm an, und Charlie gab dann auch gleich das Signal zum Aufbruch. Kurz darauf entdeckte man an dem Highway zwei Leichen, eine schwangere Frau und ihre Großmutter. Beide waren sexuell missbraucht und mit einem Lasso erwürgt worden.“
     Ich bekam einen engen Hals.
     „Charlie? Ging das auf Charlie? Hatte er dazu angestiftet?“
     Jane zuckte nur die Achseln und starrte wieder vor sich hin.
     Ich sah sie vor mir, wie sie mit nacktem Oberkörper hastig in den klapprigen, grünen Bus stieg. Wie die gesamte Family tagelang durch das Valley kurvte, und Jane nachts auf den rissigen Ledersitzen von Charlie gefickt wurde. Gefickt von diesem räudigen Kojoten.
     Jane, Baby Jane.
     Das war bitter, war ein Stachel, der sich tief in mein Herz bohrte. Janes Blick war auf einem imaginären Punkt. Und ich … ich spürte jetzt auch noch Charlies heißen Atem.
     „Oh, no, no, no“, zischelte er mir ins Ohr. „Der Kojote ist schön. Er bewegt sich graziös durch die Wüste, er ist kaum wahrnehmbar, er ist sich aller Dinge bewusst, schaut sich um. Er hört jedes Geräusch, wittert jeden Geruch, sieht alles, was sich bewegt. Er befindet sich immer in einem Zustand völliger Paranoia. Völlige Paranoia aber ist totale Bewusstheit. Du kannst vom Kojoten lernen, ja, das kannst du. Ich …“
     Ich stieß ihn heftig von mir weg, nahm einen großen Schluck Bier. Das tat gut, tat jetzt verdammt gut.
     Charlie verzog sich in den Billardraum, buckelte und grinste hämisch. In seinen Augen flackerte der Wahnsinn.
     Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn. Der Deckenventilator brachte es nicht. Der Wirt angelte schon die nächste Flasche aus der Kühltruhe. Behutsam ließ ich mich vom Hocker gleiten und stakste zur Musikbox.
     Ich drückte For what it’s worth, weil ich wusste, dass Jane diesen Song liebte. Dass er sie auf andere Gedanken bringen würde. Und auch mich, vor allem mich.

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