Die vier Heldinnen des Romans sind Arbeiterinnen in einer der vielen Fabriken,  in denen „Bento“, die preiswerten abgepackten Lunchboxes, für die Mittagspause produziert werden. In Japan ist das ein Riesengeschäft. Bento für die Mittagspause, für die Bahnfahrt oder als Fertiggericht für das Abendessen zu Hause gehört zum japanischen Alltag.  Über die Menschen, die diese Produkte herstellen, denken die meisten ihrer Konsumenten kaum nach. Die Nachtschicht in der Fabrik dauert von Mitternacht bis morgens. Yayoi, Masako, Kuniko und Yoshie – die unterschiedlichen Freundinnen und Hauptpersonen des Romans – stehen in dieser Zeit am Fließband und klatschen 2.000 Portionen „Gourmet-Theaterpausen-Lunch“ für die Theaterbesucher in Tokio oder 850 Packungen „Rippchen nach koreanischer Art“ in die Plastikschälchen, die später für umgerechnet rund 5 bis 10 Euro verkauft werden.
     Die Frauen sind auf die Arbeit angewiesen. Japan – viel stärker noch als Deutschland – pflegt dagegen aber bis heute das Selbstbild, eine Gesellschaft mit dominierend starker Mittelschicht zu sein. Die Japanologin Irmela Hijiya-Kirschnereit hat Kirinos Roman in einem Beitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ 2003 deswegen treffend als etwas Entdeckenswertes bezeichnet, das über die „auf Schockeffekte gebackene Standardkost weit herausragt“. „Die Umarmung des Todes“ beginnt damit, dass die vier Freundinnen sich darauf einigen, eine Leiche zu beseitigen. Wie sie sich diese Aufgabe teilen und wie sie später – als sie erpresst zu professionellen Leichenentsorgern der Yakuza, wie die japanische Mafia genannt wird, werden – kalt und emotionslos ihre Geschäfte erledigen, das lässt manchen Leser traditioneller Detektivgeschichten sicher kalt und heiß die Gänsehaut über den Rücken jagen.
     „Gehört der Gatte auf den Biomüll? Außenseiter in der Überflussgesellschaft“. So war der Beitrag der Japanologin Hijiya-Kirschnereit damals überschrieben. Yaogi, die eher zurückhaltende Mutter von zwei Kindern, hat eines Tages im Affekt ihren Mann ermordet. Der Mann trinkt, er vergnügt sich regelmäßig mit einer chinesischen Bardame, gerät darüber sogar in einen Konflikt mit einem Yakuza. Als er beichtet, dass er auch noch die ganzen Ersparnisse der Familie verspielt hat, erwürgt ihn Yaogi im Affekt mit einem Gürtel.
     Diese Tat bringt die ganze Geschichte erst ins Rollen. Yaogi, die wegen der Tat völlig durch den Wind ist und sich bei der Arbeit unverzeihliche Fehler leistet, beichtet den Kolleginnen – und die stehen ihr bei. Sie kommen auf die Idee, die Leiche zu zerteilen und dann, in einzelne Müllbeutel verpackt, an unterschiedlichen Stellen der Stadt zu entsorgen. Der Plan geht – zunächst – auf, doch dann sind Polizei und Yakuza hinter den Frauen her.  Kirino fängt in diesem Krimi die Kälte einer japanischen Gesellschaft ein, die sich Besuchern auf den ersten Blick nicht zu erschließen vermag. Mich hat die Lektüre so beeinflusst, dass ich mich vom ersten Tag in Japan an bemüht habe, auch die Schattenseiten einer Gesellschaft zu sehen, die Unangenehmes gerne verleugnet und die Realität lieber in rosaroten Farben schildert.

zurück weiterlesen