Als Kind schließen wir einfach die Augen, halten uns die Ohren zu, verkriechen uns unter der Decke oder lassen das Licht brennen. Das Furchtbare wird schon weiterziehen. So ganz werden wir es jedoch nicht los. In unseren Alpträumen spielen wir dann die Hauptrolle. Hocken womöglich Saw-IV-artig angekettet in einem finsteren Keller und stieren in eine bizarre Maske. Irren Silent-Hill-mäßig durch verlassene Geisterstädte, auf der Suche nach einem schlimmen Ereignis unserer Kindheit, über das wir nie hinweggekommen sind. Klemmen tief unter der Erde zwischen Felsspalten fest, während etwas auf uns zukriecht, was nur darauf bedacht ist, uns zum Zerfleischen auf einen Operationstisch zu hieven. Wenn es stimmt, dass Sigmund Freud eine neue Krankheit entdeckte, indem er die Psychoanalyse begründete, dann bietet der Horror die Chance zur Eigentherapie. Was halten wir aus, wie stark ist der Kitzel, wenn wir das alles lesen? Der Leser ist ein abgebrühter Connaisseur, der sich leicht langweilt.
     Fast jeder besitzt so eine Erinnerung aus der Jugend, eine Geschichte, die ihm zum ersten Mal klarmachte, dass es nicht nur Gutes in der Welt gab, sondern dass das Böse jedem auflauert. Es muss ja nicht gleich Bela Lugosi als Dracula oder Klaus Kinski als Nosferatu sein. Der Verlust an Naivität ist zutiefst damit verbunden, dass Geschichten uns verstören, die Möglichkeit eingeräumt wird, dass uns Gleiches geschehen könnte. Wenn auch das Blutsaugen seinen Schrecken seit Stephanie Meyer und ihrer Twilight-Saga verloren hat.
     Überhaupt haben wir unsere Unschuld als Leser längst verloren. Wir wissen zu viel über die Welt, können im Netz gleich alles googeln. Transsylvanien liegt nicht mehr unentdeckt in Siebenbürgen, wie noch zu Bram Stokers Zeiten. Das dunkle, schwarze Loch, das nur das Böse in sich tragen kann, muss sich immer wieder neu erfinden oder gnadenlos abkupfern, wo es den gewünschten Erfolg bereits erzielt hat.
     Eine ganze Industrie lebt vom Spiel mit dem Grauen. Blut muss fließen. Das Perverse wohldosiert abgestimmt sein. Wer Jack Ketchums Roman Evil gelesen hat, wird von vielen seiner anderen Werke enttäuscht sein. Evil spielt so gnadenlos alltäglich mit der Nachbarschaft, dass die Qualen eines Mädchens in der Obhut einer zutiefst psychotischen Familie überall sein können, wo der Hass auf sich selbst überhand nimmt. Der Kunstgriff besteht darin, dass die unschuldigen Augen eines Nachbarjungen als Erzähler dienen, der sich mitschuldig macht, indem er sich selbst zur Untätigkeit verdammt. Als mit dem Tod des Mädchens die gerechte Strafe über all jene Missgeburten des eigenen Wahns hereinbricht, bleibt der Junge verschont. Und mit ihm der Leser. Ketchum gelingt es so, das Urgeheimnis des Lesens ironisch zu brechen: Wir bleiben auch verschont. Umso reizvoller ist es, die Gedanken heimlich auszureizen. Schließlich ist es ja die Schilderung eines Fremden, eines Perversen, eines Serienkillers, die fiktive Ausgeburt eines Autors, der oftmals im perfiden Gewand eines kultivierten Täters à la Hannibal Lecter sein Psychospiel mit der verlorenen Unschuld treibt.

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